Grenzsituationen im Spitzensport – Gedanken zum ersten Todestag von Junior Malanda

Teelicht

Heute vor genau einem Jahr verstarb Junior Malanda vom VfL Wolfsburg bei einem Verkehrsunfall. Er wurde nur 20 Jahre alt. Trainer Dieter Hecking konnte die Nachricht vom Tod seines Spielers erst gar nicht glauben. In einem Interview sagte Hecking nun, die Schreckensmeldung habe „uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen“ (2016:28). Für die Mannschaft war es eine „Extremsituation“ – gerade für die jungen Spieler (:28). Viele seien erstmals in ihrem Leben mit einem Todesfall konfrontiert worden. Für Hecking selbst waren die Tage und Wochen nach dem tödlichen Unfall die schwierigste Zeit als Trainer (:29). Unterstützung erhielt der Club von Professor Andreas Marlovits, vielen im Fußball als Psychologe bekannt (:28). Weit weniger bekannt ist, dass Marlovits darüber hinaus auch studierter Theologe und somit mit existenziellen Lebensfragen vertraut ist. Gleiches gilt für den Seelsorger Michael Hartlieb, der die Profis von Hannover 96 nach der Trauer um Robert Enke auf ihrem Weg zurück in die Normalität begleitete. Von beiden – Marlovits und Hartlieb – heißt es, dass sie für die Vereine eine wichtige Unterstützung in einer schwierigen Zeit gewesen sind (Hardt 2009). Weiterlesen

Erosion der Lebensbereichs­grenzen – oder: Warum wir innerlich und äußerlich nie „offline“ sind

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Mit meinem ersten Blogeintrag in 2016 wünsche ich Ihnen ein tolles neues Jahr und hoffe, dass sie gut gestartet sind. Jahreswechsel bringen es ja unweigerlich mit sich, dass wir das alte Jahr „ablegen“ und uns auf das neue Jahr einstellen müssen. Das mag in den ersten Wochen noch etwas schwerfallen. Mitunter schreiben wir hier und da bei der Datumsangabe noch die Jahreszahl des alten Jahres. Aber irgendwann sind wir ganz im Jahr 2016 angekommen und lassen das alte Jahr gedanklich hinter uns.

Beim alltäglichen Switchen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen gelingt uns das allerdings nicht unbedingt.  Denn anders als im Industriezeitalter, als die Märkte noch überschaubarer und stabiler waren und eine klare Trennung zwischen Arbeits-, Obligations- und Freizeit herrschte, findet im heutigen, von Postmoderne und Globalisierung geprägten Zeitalter eine „Erosion der Lebensbereichsgrenzen“ (Wöhler 2005:561) statt, die uns vor große Herausforderungen stellt. Die Lebensbereiche gehen zunehmend ineinander über und während des Aufenthalts in einem Lebensbereich sind die anderen Lebensbereiche kognitiv ständig präsent und zerren an der Aufmerksamkeit (Behringer 1998:151).

Dieses Phänomen kennen auch und gerade Entscheidungsträger im Spitzensport. Man ist innerlich und äußerlich nie „offline“. Die psychische Belastung, die dadurch entsteht, ist enorm. So belegt beispielsweise der BKK Faktenspiel aus dem Jahr 2010, dass die ständige Erreichbarkeit und die Vielzahl an geleisteten Überstunden häufig zu Schlafproblemen und psychosomatischen Erkrankungen führen. Inzwischen haben  49% der Berufstätigen häufig oder fast täglich mit Schlafproblemen zu kämpfen“ (:3). Aber es gibt eine gute Möglichkeit, dem entgegenzuwirken und den Kopf wieder besser freizubekommen und sich körperlich und geistig ganz auf einen Lebensbereich einzulassen. Welche? Das können Sie beim Life-Coaching entdecken. Bis demnächst.

Ihr Michael Micic

 

Literatur:

  • Behringer, Luise 1998. Lebensführung als Identitätsarbeit: Der Mensch im Chaos des modernen Alltags. Frankfurt am Main: Campus.
  • BKK Faktenspiegel 2010. Arbeit und Schlaf [11]. Online im Internet: URL: http://www.bkk-wuerth.de/images/stories/Faktenspiegel/fs%201011%20schlaf.pdf  [Stand: 4.1.2016].
  • Wöhler, Karlheinz 2005. Ökonomisierung der Freizeit, in Popp, Reinhold: Zukunft : Freizeit: Wissenschaft: Festschrift zum 65. Geburtstag von Univ. Prof. Dr. Horst W. Opaschowski. Münster: Lit, 559-570.

Vom Boxsport lernen: Machen Sie Konkurrenten zu Verbündeten!

Puzzle-Bild Konkurrenten zu Verbündeten machen

Vor wenigen Tagen erschien bei LinkedIn ein Beitrag von Box-Weltmeister Wladimir Klitschko, der mich sehr inspiriert hat, weil er so herrlich quer ist. Seine Kernbotschaft lautet: „Verlassen Sie doch mal den gewohnten Weg, indem Sie zum Beispiel darüber nachdenken, was Ihr Konkurrent eigentlich für Sie tun kann [und umgekehrt natürlich auch sie für ihn]. Warum nicht den Mitbewerber zum Verbündeten machen?“  (Klitschko 2016]. Was sich zunächst befremdlich anhören mag, entpuppt sich schnell als interessanter Vorschlag. Klitschko beschreibt eindrücklich, wie er in den Wochen und Monaten vor einem Boxkampf mit vielen Sparringspartnern arbeitet, die in Zukunft seine Gegner werden könnten. Sie helfen ihm in der Vorbereitung und er gibt ihnen Tipps, macht sie besser. So profitieren beide Konkurrenten – eine Win-Win-Situation entsteht.

Aber damit nicht genug: Am Ende seines Beitrags fordert Klitschko seine Leser dazu auf, „offen für Kooperationen [zu sein], auch wenn sie anfangs noch so absurd klingen“ – und sich anzuschauen, „ob Ihr größter Feind nicht doch Ihr Freund werden sollte“ [Klitschko 2016]. Das klingt ja schon fast nach der Feindesliebe aus der Bergpredigt Jesu – und das aus dem Munde eines Schwergewichts-Weltmeisters.

Ok, vielleicht ist diese Herausforderung für Normalsterbliche eine Nummer zu groß. Aber wie wäre es, erst einmal klein anzufangen und sich mit den Mitgliedern des eigenen Teams zu verbünden, um eine echte Einheit zu werden, in der einer den anderen ergänzt und unterstützt? Wie viel stärker wären Sie zusammen?! Und wenn das klappt, gehen Sie mit Ihren Konkurrenten oder gar Feinden ins Sparring – mit dem Ziel, das keiner K.O. geht, sondern beide als Sieger aus dem Ring steigen. Viel Erfolg!

Ihr Michael Micic

 

Literatur:

Klitschko, Wladimir 2016. Die Business-Welt ändert sich mit jeder Minute: So bleiben Sie obenauf [22.10.2015]. Online im Internet: URL: https://www.linkedin.com/pulse/die-business-welt-%C3%A4ndert-sich-mit-jeder-minute-so-sie-klitschko?trk=micro-mktg-de-2110-post-wk [Stand: 30.10.2015].

„Zeige mir Deine Freunde und ich sage Dir, wer Du bist:“

Friends

Klinsmann, Lahm und Peters zur Bedeutung des Umfeldes und der Lebensgestaltung

 

Drei Weltmeister – eine Meinung

Sie alle sind Weltmeister geworden: Lahm erst gestern (Herzlichen Glückwunsch!), Klinsmann bereits 1990 – beide je einmal als Spieler der DFB-Auswahl; Peters als Trainer der deutschen Hockeynationalmannschaft sogar gleich dreimal (2002 und 2006 im Feldhockey und 2003 im Hallenhockey). Aber es gibt noch etwas anderes, das sie verbindet: Alle drei Weltmeister messen dem Umfeld und der Lebensgestaltung im Spitzensport eine enorme Bedeutung bei. Weiterlesen

Vorstellung meines Life-Coaching-Ansatzes bei der DFB- und DFL-Tagung am 28.04.2015

Seminarraum

Nachdem die Auditoren mir neulich im Rahmen des NLZ-Zertifizierungsgesprächs in Köln bestätigten, dass mein Life-Coaching-Angebot als Gesamtkonzept ein Novum in deutschen Profifußballvereinen darstellt, geht es jetzt mit Spannung weiter: Der DFB und die DFL bieten mir am 28. April die Möglichkeit, das Konzept Life-Coaching als eigenständiges Beratungs- und Betreuungsformat bei der Tagung der psychologischen Mitarbeiter der Nachwuchsleistungszentren zu präsentieren.  Ich freue mich auf dieses Heimspiel, denn die Tagung wird bei uns im Geißbockheim stattfinden. Eingeladen sind die sportpsychologischen Mitarbeiter von etwa  50 Vereinen der Bundesliga, 2. Bundesliga, 3. Liga und der Regionalliga.

Als weiterer Referent wird Christian Luthardt seine sportpsychologische Arbeit bei Bayer Leverkusen vorstellen. Ich freue mich auf seinen Vortrag und die Gespräche über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Life-Coaching und Sportpsychologie. Wie unsere gelungene Kooperation mit dem Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule zeigt,  ergänzen sich beide Ansätze in der Praxis sehr gut. Vielleicht gibt die Tagung ja einen Anstoß dazu, dass auch in anderen Vereinen zukünftig Life-Coaches und Sportpsychologen zusammenarbeiten – ähnlich wie es bereits vielerorts im physiologischen Bereich zwischen Athletik- und Rehatrainern geschieht. Schau’n mer mal, was passiert …

Ihr Michael Micic

Oliver Bierhoff: „Was heißt Work-Life-Balance eigentlich genau?“

Life-Balance

Entweder man arbeitet oder man lebt – so suggeriert es zumindest der moderne Begriff „Work-Life-Balance“. Oliver Bierhoff hält diese Einteilung für falsch. Deshalb stellt der Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in seinem sehr lesenswerten Buch „Spielunterbrechung“ die provokative rhetorische Frage: „Was heißt Work-Life-Balance eigentlich genau“ (2012:65)? Seiner Meinung nach soll Arbeit keinen Gegenpol zum „eigentlichen“ Leben bilden, sondern Teil davon sein. Denn wenn die Arbeit – so Bierhoff – „nicht zum Leben gehört, keinen Spaß macht, überfordert oder unterfordert, keine erstrebenswerten Inhalte bereitstellt, dann wird Arbeit zur permanenten Belastung und irgendwann zur Überlastung“ (:65). Und weiter schreibt er: „Eine Work-Life-Balance, ein reiner Ausgleich zwischen Arbeits- und Privatleben, ist keine ausreichende Antwort. Wir müssen auch innerhalb unserer einzelnen Lebensbereiche eine Balance anstreben“ (:68). Man könnte sagen, Bierhoff plädiert für einen Paradigmenwechsel – weg von der „Work-Life-Balance“, hin zur „Areas of Life-Balance“ oder einfach nur „Life-Balance“. Was halten Sie davon und wie gestalten Sie Ihre Arbeit, damit sie Ihnen Freude macht, Sinn vermittelt und nicht nur Anspannung, sondern auch Entspannung verschafft? Das sind große Fragen, ich weiß. Vielleicht sind Sie Ihnen auch unangenehm. Aber um es abschließend mit den Worten von Oliver Bierhoff zu sagen: Eine Reflexionszeit – oder wie er es nennt – eine „Spielunterbrechung […] wird wertvoll, wenn wir sie zu nutzen wissen. Wenn wir uns die richtigen Fragen stellen und herausfinden, was wir aus ihr lernen können“ (:8). In diesem Sinne wünsche ich Ihnen interessante Entdeckungen beim Interview mit sich selbst.

Ihr Michael Micic

 

Literatur:
Bierhoff, Oliver 2012. Spielunterbrechung: Man muss nicht schnell laufen, man kann auch richtig stehen. Berlin: Econ.

Ein neues Fußballbuch sorgt für Gesprächsstoff

Offenes Buch

In diesem für Deutschland doch recht erfreulichen WM-Jahr ist ein Fußballbuch erschienen, das derzeit in den Nachwuchsleistungszentren der Profivereine mächtig für Gesprächsstoff sorgt. Unter dem Titel „Traumberuf Fußballprofi“ zeigen die beiden Sportjournalisten Jörg Runde und Thomas Tamberg auf, wie hart der Weg vom Bolzplatz in die Bundesliga ist und wie wenige Talente in Deutschland tatsächlich den Sprung in den Profibereich schaffen. „Etwa 170 000 Mannschaften jagen Woche für Woche in den verschiedenen Klassen dem Ball hinterher“ (2014:90). Davon – so Runde & Tamberg – „gibt es nur rund 1500“ Spieler, die „mit dem Sport tatsächlich ihr Geld verdienen […] Und lediglich etwa 500 von ihnen spielen jährlich in der 1. Bundesliga“ (:90). Entsprechend groß ist der Druck bereits im Teenie- und Jugendalter. Der frühere Jugendnationalspieler Timo Heinze dazu: Wenn du aus der A-Jugend rauskommst, hast du etwa zwei Jahre Zeit, dich im Profibereich festzusetzen“ (zitiert in Runde & Tamberg 2014:146). Danach sei es sehr schwer, sich doch noch den Traum vom Fußballprofi zu erfüllen (:146).

Einer, der das geschafft hat, und heute beim Drittligisten VfL Osnabrück spielt, ist Marcos Álvarez. Trotz eines positiven Karriereverlaufs von jungen Jahren an blickt seine Mutter Daniela mit schlechten Erinnerungen an seine Jugendzeit zurück: „Wenn ich mir den Marcos und die anderen Talente in der Jugendzeit so angeschaut habe, hatte ich oft das Gefühl, dass sie ihrer eigenen Seele davon gerannt sind. Die Seele hatte gar keine Zeit, bei dieser rasanten Entwicklung hinterher zu kommen“ (zitiert in Runde & Tamberg 2014:39). Marion Sulprizio vom Psychologischen Institut der Sporthochschule Köln, die ich durch die Kooperation mit dem 1. FC Köln kenne und schätze, teilt diese Auffassung: „Ich kann die Einschätzung der Mutter nur bestätigen“ (zitiert in Runde & Tamberg 2014:39).

Durch meine tägliche Arbeit mit den FC-Talenten sehe ich die Situation differenzierter. Zwar ist der Erfolgs- und Selektionsdruck spürbar groß, der Umgang damit bei den Spielern allerdings individuell sehr verschieden. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Spieler nicht sich selbst überlassen bleiben, sondern – wie es BDFL-Ehrenpräsident Horst Zingraf im Rahmen einer Trainertagung ausgedrückt hat – „Geist und Seele“ dieser jungen Menschen erreicht werden (2009:1). Hier sind die Verantwortlichen in den Vereinen gefragt, aber auch und insbesondere die Familie. Ist sie intakt und fühlen sich die Nachwuchstalente geborgen und verstanden, beeinflusst das die Entwicklung positiv.

Wie wichtig der familiäre Rückhalt ist, zeigt eine Studie über „empirische Grundlagen zur komplexen Talentförderung“ (Harttgen, Milles & Struck 2011). So gaben über 90 Prozent der befragten Spieler aus verschiedenen Nachwuchsleistungszentren an, dass die Unterstützung durch die Eltern für ihre sportliche Entwicklung „sehr“ bzw. „ziemlich wichtig“ sei (: 63ff). Die Frage ist, welche Angebote Vereine haben, um den Familienzusammenhalt zu stärken  bzw. Spieler zu unterstützen, deren Familiensituation schwierig oder gar bedrückend ist. Ich glaube, hier gibt es im Sinne des Vereins, der Spieler und deren Familien trotz der bereits durchgeführten Maßnahmen noch großes Förderpotenzial. Bis demnächst.

Ihr Michael Micic

 

Literatur:

  • Harttgen, Uwe, Milles, Dietrich & Struck, Henning 2011. „…und dann werde ich doch Profi…“: Empirische Grundlagen zur komplexen Talentförderung. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW, Verlag für Neue Wissenschaften
  • Runde, Jörg & Tamberg, Thomas 2014. Traumberuf Fußballprofi: Der harte Weg vom Bolzplatz in die Bundesliga. Weinheim: Wiley-VCH.
  • Zingraf, Horst 2009. Editorial: ITK 2009: Goldrichtig in der “Goldstadt” Pforzheim. Online im Internet: URL: http://www.bdfl.de/tl_files/bdfl/itk/itk2009/ITK09_S1_5.pdf [Stand: 14.07.2014].

Nur noch ein paar Stunden bis zur Abend­veranstaltung im Sportinternat Köln

Vor der Abendveranstaltung im Sportinternat am 21.05.2014

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, die Gäste können kommen. Heute Abend moderiere ich um 20 Uhr im Kölner Sportinternat eine Gesprächsrunde zum Thema „Karriere und Leben“. Zugesagt haben Thomas Bröker vom FC, Mirko Lüdemann vom KEC, Rica Reinisch, dreifache Schwimm-Olympiasiegerin von 1980, Marion Rodewald, die 2004 in Athen als Kapitänin mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft der Damen Gold gewann, DFB-Ombudsmann Dr. Carsten Thiel von Herff sowie Timo Heinze, ehemaliger Jugendnationalspieler und Kapitän der U23 des FC Bayern München und heute Sportstudent an der Sporthochschule Köln. Die Nachwuchstalente aus dem Sportinternat, für die diese Veranstaltung Orientierung für verschiedene Karrierewege geben soll, sind bereits sehr gespannt darauf zu hören, was die Podiumsgäste über ihre Karrieren und ihr Leben berichten werden. Und ich auch. Bis demnächst.

Ihr Michael Micic