CONNECTED – Was haben die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam?

In den vergangenen Wochen und Monaten wurden im Profifußball einige Grundsatzthemen zwar kontrovers, aber kaum aufeinander bezogen und auch nicht nachhaltig diskutiert. Mein Blogeintrag ist deshalb der Versuch, eine richtungsweisende Gesamtbetrachtung vorzunehmen und dabei darauf zu achten, was die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam haben. Aber der Reihe nach …

Im Dezember vergangenen Jahres holte der frühere Weltklassespieler und Edeltechniker Mehmet Scholl in seiner Radio-Sendung „Mehmets Schollplatten“ erneut zum Rundumschlag gegen die junge deutsche Trainergeneration aus. Die bereits im Jahr 2015 von ihm als „Laptop-Trainer“ bezeichneten Coaches stellen seiner Meinung nach allein das Kollektiv in den Vordergrund und seien „nicht wirklich an den Menschen und den Fußballern interessiert“. Deshalb gehe jegliche Individualität verloren. Spieler, die auf dem Platz den Unterschied ausmachen könnten und charakterlich häufig nicht leicht zu handeln seien, würden aussortiert. Übrig bleibe dann nur noch „eine weichgespülte Masse […], die erfolgreich sein wird, aber niemals das Große gewinnen wird“.

Etwa zur gleichen Zeit wie Mehmet Scholl bemängelte Freiburgs Nils Petersen, dass die Fußballbranche zu oberflächlich sei und er als Profi das Gefühl habe zu verblöden. Sein derzeitiges BWL-Fernstudium sei stupide und langweilig – und die Zuschauer auf den Rängen im Stadion „insgesamt wohl intellektueller und schlauer als ich“.  Petersen schäme sich manchmal, „weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze“. Monate später griff Petersens Mitspieler und Kapitän Julian Schuster die Kritikpunkte auf und forderte von der Bundesliga bessere Weiterbildungsmöglichkeiten – und zwar solche, „die auf den Alltag eines Profi-Fußballers abgestimmt sind“ und „mit denen ich auch außerhalb des Fußballbereichs etwas anfangen kann“. Bestehende Angebote an den Hochschulen hätten den Nachteil, dass sie vielfach von Profis ungenutzt bleiben müssten, da „wir nicht flexibel sind. Wir können beispielsweise kein Studium mit Anwesenheitspflicht machen“, sagte Schuster.

Während Schuster und Petersen ein Bildungsdefizit bei Profi-Fußballern sehen, beklagte Per Mertesacker deren extreme Drucksituation. Der Weltmeister von 2014 und aktuelle Arsenal-Kapitän hatte in einem Spiegel-Interview Anfang März dieses Jahres zugegeben, dass sein Körper über die gesamte Profikarriere hinweg an Spieltagen und bei Turnieren auf den enormen Druck mit Brechreiz und Durchfall reagiert habe. Besonders schlimm sei es bei der Heim-WM 2006 gewesen. Mertesacker „war erleichtert, als wir gegen Italien ausgeschieden sind. […] Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.“ Bei der WM damals wie auch insgesamt im Fußballgeschäft gehe es „null mehr um Spaß […], sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“.

Diesen enormen Performance-Druck kann und will Oliver Bierhoff zwar nicht wegnehmen; denn schließlich muss man sich seiner Meinung nach „als Spieler bewusst sein, dass man immer wieder mit enormem Druck von außen und ständiger Bewertung konfrontiert wird – durch Fans, Vereine, Sponsoren, Medien“. Andererseits sollten die Vereine und Verbände „den Akteuren aber auch helfen. Und sie müssen sich helfen lassen.“ Vor allem gehe es darum, dass die Verantwortlichen dem Individuum „noch stärker zuhören“.

An den Menschen interessiert sein und die Individualität der Spieler fördern (Scholl); auf den Alltag der Profi-Fußballer abgestimmte Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen (Petersen und Schuster); Spieler nicht nur zu Hochleistungsmaschinen trimmen, sondern sie auch Spaß am Fußball haben lassen (Mertesacker); ihnen helfen und ihnen stärker zuhören (Bierhoff)  – auf einen gemeinsamen Nenner gebracht: die Person und die Persönlichkeit hinter den Profi-Fußballern zu sehen, zu achten und zu fördern. Das ist das, was alle genannten Akteure und Verantwortlichen unisono gemeinsam von den Vereinen und Verbänden letztendlich fordern und erwarten.

Dabei geht es nicht darum, Leistungsorientierung durch Menschenorientierung zu ersetzen, sondern beides angemessen aufeinander zu beziehen. Eine Angemessenheit ist nur dann gewährleistet, wenn das Menschliche und Individuelle nicht auf der Strecke bleibt, sondern das Leistungsdenken begrenzt. Was der Fußball aus meiner Sicht daher dringend benötigt, ist eine humane Leistungsorientierung – und das bedeutet für alle (!) Stakeholder des Fußballs, sich gegenseitig nicht auf die jeweilige Funktion zu reduzieren, sondern bei aller Intensität und Rivalität immer noch den wertvollen und einzigartigen Menschen im Anderen zu sehen. Und damit würde man auch sich selbst etwas Gutes tun. Denn wer den Menschen im Anderen nicht mehr sieht, der sieht auch den Menschen in sich selbst nicht mehr. Ist es das wert?

Viele Grüße und bis demnächst!
Ihr Michael Micic

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