Das fehlende Puzzlestück in der Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern

Kennen Sie noch die Sängerin Robyn und ihren 90er-Jahre-Ohrwurm „You’ve got that somethin’ – übersetzt: Du hast etwas Besonderes, das gewisse Etwas?” Unter diesem Motto stand mein Mix aus Keynote und Workshop am Eröffnungstag des 3. International Instructors Course „Sport for Development“, der vom 01.-11. September in Kamen-Kaiserau stattfand und vom DFB sowie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) veranstaltet wurde.

 

 

Kursleiter waren Sascha Bauer (rechts im Bild), Auslandsexperte des DFB, und Dr. Ben Weinberg (links im Bild), externer Berater für die Abteilung für Wirtschaft und Soziales der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – und außerdem Lehrkraft am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Teilgenommen hatten 30 Trainerinnen und Trainer, die aus 17 Ländern und vier Kontinenten in Deutschland zusammengekommen waren, um sich sowohl sportpädagogisch als auch bzgl. neuer Trainingsmethoden weiterzubilden und Erfahrungen auszutauschen.

Besucht wurden sie während der Kurstage u.a. von Gerald Asamoah. Der langjährige Schalker Stürmer und ehemalige deutsche Nationalspieler, der die „Sport für Entwicklung“-Maßnahmen von BMZ und DFB als Botschafter unterstützt und ghanaische Wurzeln hat, zeigte sich in dem auf der Website des DFB veröffentlichten Bericht beeindruckt davon, „was die Trainerinnen und Trainer in ihren Heimatländern alles mit Hilfe des Sports bewegen und wie sie den Ansatz ‚Sport für Entwicklung‘ einsetzen – obwohl die Bedingungen oft schwierig sind” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).  Bei diesem Ansatz – so stellt es der Bericht auf der DFB-Website klar – „geht es nicht um Leistungssport, sondern darum, welchen Beitrag Fußball zur Entwicklung, Bildung, Gesundheit und sozialen Förderung von Kindern und Jugendlichen in Entwicklungs- und Schwellenländern leisten kann” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).

Doch warum ist das so – oder anders gefragt: Haben „Sport for Development” und andere persönlichkeitsfördernde Betreuungs- und Förderformate nicht auch eine Relevanz und Potenzial für den Profi- und Leistungsfußball in Deutschland? Mit dieser zentralen Frage habe ich mich in der Vorbereitung auf meine Keynote und den anschließenden Workshop auseinandergesetzt. Und ich bin zu der Antwort gekommen, dass die Relevanz und das Potenzial sowohl für die Bundesligavereine und deren Nachwuchsleistungszentren als auch für die Nationalmannschaften sehr hoch sind. Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences”, die im vergangenen Jahr von der GIZ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln als Leitlinien für „Lead Instructors, Instructors, Coaches and Children/Youth” im Amateur- und Entwicklungsbereich erarbeitet worden sind – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League (https://sportschaplaincy.org.uk/) – oder der Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs, den ich zuerst beim 1. FC Köln implementiert habe und seit 2015 in Wirtschaft und Sport anbiete, haben das gewisse „somethin’”, das für die Entwicklung des deutschen Fußballs eine hohe Relevanz darstellt. Denn sie betrachten die Trainer und Spieler nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch als Person mit ihren Gedanken und Gefühlen, Einstellungen und Überzeugungen – nicht nur die Leistung, sondern auch das Leben. Sie stehen für eine ganzheitliche und nachhaltige Weiterentwicklung, die sich auf und neben dem Platz zeigen soll.

Dass eine (solche) Weiterentwicklung im deutschen Fußball vonnöten ist, zeigt nicht nur das Vorrundenaus der Nationalmannschaft bei der diesjährigen WM in Russland, das laut Oliver Bierhoff und Jogi Löw auch auf ein Einstellungsdefizit zurückzuführen ist (http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/1808/Artikel/wm-analyse-die-wichtigsten-erkenntnisse-von-joachim-loew-und-oliver-bierhoff.html), sondern ebenso die bereits davor emotional geführten Diskussionen über die Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern, die im internationalen Vergleich, insbesondere gegenüber England, inzwischen das Nachsehen hat (https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html). Initiativen und Kampagnen der Verbände, wie z.B. „Lebe gesund“ oder „Equal Game“ (früher: „No to Racism“), waren und sind wichtig; gleiches gilt für das duale Ausbildungskonzept im Nachwuchsbereich, Leitbilder und Verhaltenskodizes sowie Infoveranstaltungen zu Dopingprävention, Sportwetten oder einem angemessenen Umgang mit sozialen Medien. Ebenso ist es im Grundsatz nachvollziehbar, dass im Rahmen der NLZ-Zertifizierung für eine bestmögliche Bewertung u.a. eine sportpsychologische Betreuung Voraussetzung ist. Allerdings liegt der Fokus der sportpsychologischen Arbeit in der Regel auf der Optimierung von mentalen Strategien für die Vorbereitung und Durchführung von Wettkämpfen und nicht auf Fragen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur gelingenden Lebensgestaltung. D.h. in der Sportpsychologie geht es schwerpunktmäßig um Performance (Drath, Karsten 2012. Coaching und seine Wurzeln: Erfolgreiche Interventionen und ihre Ursprünge. Freiburg: Haufe-Lexware; Handow, Oskar 2003. Coaching und Leistungssport in Leistungssport und Wirtschaft. Dr. phil. Dissertation. Universität der Bundeswehr: München.).

Allerdings darf laut Hansi Flick, Frank Kramer, Mehmet Scholl oder auch Niko Kovac gerade in  den Nachwuchsleistungszentren nicht nur die Performance und Perfektion im Vordergrund stehen; vielmehr muss dort auch Raum für Kreativität, Individualität und fürs Menschsein gegeben sein ((https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html; https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2018/07/niko-kovac-vom-fc-bayern-kritisiert-ausbildung-im-nachwuchs-wie-mehmet-scholl). Es braucht neue Ansätze und Methoden, die beides besser miteinander vereinen und starke Persönlichkeiten hervorbringen. Entsprechend forderten Ewald Lienen und Katja Kraus kürzlich bei der Sendung von Markus Lanz im ZDF unisono (https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-6-september-2018-100.html), dass (insbesondere junge) Spieler in den Clubs im Bereich Persönlichkeitsentwicklung besser gefördert werden müssten (Lienen 2018: 1:00:00) sowie eine „extrem […] gute Führung [benötigen], um da einigermaßen gut durchzukommen” (Kraus 2018:1:04:38).

Dass es trotz vieler positiver Entwicklungen im deutschen Fußball auch bereits seit Längerem Stagnationserscheinungen und Fehlentwicklungen gibt, die laut Ewald Lienen allerdings „in diesem Lande immer erst dann [… diskutiert worden], wenn die Nationalmannschaft nicht erfolgreich ist” (2018:54:15 min), verdeutlicht ein Appell von Jürgen Klinsmann aus dem Jahr 2008. Bereits damals forderte er, die Ausbildung zum Fußballlehrer um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” zu erweitern (https://www.sueddeutsche.de/sport/der-kopf-wird-nicht-trainiert-juergen-klinsmann-der-neue-trainer-des-fc-bayern-muenchen-1.598758). Und ein Jahr später gab er zu bedenken, dass es zwar eine Ausbildung zum Fußballspieler gebe, jedoch nicht zu einem Leben als Fußballprofi, der weiß, wie er mit seinem Umfeld umgehen und sein Leben gestalten soll (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/im-gespraech-juergen-klinsmann-hoeness-haette-sich-auch-verabschieden-muessen-1901209.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0). Ich bin davon überzeugt, dass entsprechend ganzheitliche Angebote der Vereine und Verbände heute insbesondere Toptalenten wie beispielsweise Mario Götze, Leroy Sané oder Jann-Fiete Arp helfen könnten, mit dem Hype um ihre Person besser umzugehen und mehr Konstanz in ihre Leistungen zu bringen.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses zentrale Puzzleteil in der Begleitung und Förderung von Trainern und Spielern der Profi-, Nachwuchs- und Nationalmannschaften in Zukunft eine stärkere Bedeutung erhält und integrativer Ausbildungsbestandteil im deutschen Fußball wird – insbesondere in der Fußballlehrer-Ausbildung, die auch zehn Jahre nach Klinsmanns Forderung keinen fünften Bereich  „Life-Skills und Persönlichkeitsentwicklung” aufweist, sondern nach wie vor auf den bereits 2008 existierenden vier Säulen „Fußball-Lehre, Psychologie, Physiologie und Spezialgebiete“ steht (https://www.dfb.de/sportl-strukturen/trainerausbildung/fussball-lehrer/). Wie wichtig nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung von Spielern, sondern auch von Trainern ist, betont neben Jürgen Klinsmann auch Ewald Lienen. Er konstatiert: „Wenn ich möchte, dass sich die Persönlichkeit der Spieler entwickelt, dann muss ich auch Persönlichkeiten bei den Trainern da haben” (2018:1:02:16). Durch die Erweiterung der Fußballlehrer-Ausbildung um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” könnte der DFB eine Vorreiterrolle einnehmen und so einen wichtigen Impuls für die positive Entwicklung des Fußballs in Deutschland setzen. Und das Beste: Er müsste dabei kein aufwendig gestaltetes eigenes Konzept kreieren, sondern könnte auf bereits vorhandene Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences” aus dem Amateur- und Entwicklungsbereich – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League – oder den Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs zurückgreifen, den ich unter Einbeziehung der Geisteswissenschaften im interdisziplinären Rahmen der Humanities entwickelt habe und bereits in Wirtschaft und Sport umsetze. Denn alle drei vorgestellten Betreuungs- und Förderformate haben etwas Besonderes, das gewisse Etwas, „that somethin’”.

Viele Grüße
Ihr Michael Micic

 

 

 

 

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