Life-Coaching meets Club Chaplaincy @ London 2018

Nachdem ich bereits im Jahr 2010 in den Nordwesten Englands gereist war, um u.a. bei Manchester United, Manchester City und dem FC Liverpool zu hospitieren (siehe Hospitationsbericht: https://michael-micic.com/referenzen-von-michael-micic/#england), und im Jahr 2014 an der Chaplaincy Conference in Northampton (siehe Konferenzbericht: https://michael-micic.com/referenzen-von-michael-micic/#england) teilgenommen hatte, war es nun vier Jahre später im November 2018 an der Zeit, einigen englischen Kollegen mal wieder „face to face“ zu begegnen und nicht nur per Videoanruf oder Textnachricht mit ihnen zu kommunizieren.

Dieses Mal ging die mehrtägige Reise nach London, wo ich mich zunächst mit einem deutschen Sportfunktionär treffen und später mit einigen Kollegen von Club Chaplaincy UK in den Räumlichkeiten des Traditionsclubs Charlton Athletic über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Entwicklungen und Herausforderungen der Betreuungsformate Club Chaplaincy und Life-Coaching austauschen konnte. Mit dabei waren Matt Baker (Chaplaincy Pastoral Support Director in English Football sowie Club Chaplain Charlton), Gareth Morgan (Club Chaplain Charlton Academy), Buddy Owen (Tranmere Rovers, aus Zeitgründen nicht im gemeinsamen Video/Bild-Selfie dabei) sowie der ehemalige Profi des FC Portsmouth, Linvoy Primus.

 

Einen Tag später besuchte ich ein Heimspiel des Charlton Athletic FC, das im Rahmen des Remembrance Day stattfand, der zur Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkrieges gefeiert wird. Entsprechend hielt Club Chaplain Matt Baker eine Gedenkrede (https://www.cafc.co.uk/news/view/5bdb286496052/for-club-and-country-charlton-plant-trees-in-memory-of-fallen-heroes). Aber nicht nur an diesem besonderen Tag, auch unabhängig davon zeigt sich im und um das Stadion, wie stark die Erinnerungskultur in England gelebt wird.

So befindet sich vor dem Stadion, direkt vor dem Eingang zur Geschäftsstelle, eine Statue der Charlton-Torwartlegende Sam Bartram (http://www.offbeat.group.shef.ac.uk/statues/STUK_Bartram_Sam.htm). Unmittelbar daneben können sich Vereinsinterne sowie -angehörige und Fans auf den „Memorial Plaques“ verewigen. Im „Memorial Garden“ haben Hinterbliebene die Möglichkeit, die Asche ihrer toten Angehörigen dort zu verstreuen. Ein weiteres Stück „Erinnerungskultur“ ist ein einzelner Sitz in der Gegengerade, der ursprünglich eine rote Farbe hatte und dann im Jahr 2017 zur Erinnerung an Keith Palmer weiß gefärbt wurde, nachdem der Club erfahren hatte, dass der Polizist, der von einem Attentäter vor dem House of Parlament niedergestochen worden war, eine Dauerkarte für Charlton Athletic besessen und bei den Heimspielen stets dort auf diesem Platz gesessen hatte (https://metro.co.uk/2017/04/04/charlton-athletic-honour-london-terror-attack-hero-pc-keith-palmer-after-tragic-death-6554092/).

 

Neben der Erinnerungskultur werden im Club auch Rituale gepflegt. So lädt Chaplain Matt Baker die Spieler vor jedem Spiel zum sogenannten Pre-Match-Prayer ein, was auch dieses Mal wieder von einigen Profis besucht wurde. In einem dafür umfunktionierten Prayer Room im Spielertunnel dabei sein zu dürfen, war für mich ein besonderes Highlight – ebenso wie die kurze Begegnung mit dem deutschen Profi Patrick Bauer, der über seine Stationen beim VfB Stuttgart und in Portugal inzwischen seit 2015 bei Charlton spielt. Ursprünglich stammt Bauer aus Backnang bei Stuttgart. Ein Schwabe also. Mo hörd’s.

Schwäbisch war auch nach meiner Ankunft am nächsten Tag in Stuttgart wieder vermehrt zu hören. Da wusste ich, dass ich zu Hause bin. Mal sehen, ob es wieder vier Jahre dauern wird, bis ich erneut nach England reise. Schön war es bisher jedenfalls jedes Mal.

Bis demnächst

Ihr Michael Micic

Selbstachtsamkeits-Seminar@Marketing Club Region Stuttgart-Heilbronn

Wie können sich Führungskräfte aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich (besser) in Selbstachtsamkeit üben und gibt es dazu Anwendungsbeispiele und -hilfen aus dem Bereich des Spitzensports? Um diese und weitere Fragestellungen ging es bei meinem Seminar mit dem Titel „Durch Selbstachtsamkeit in Führung gehen“, das am 13. Oktober vom Marketing Club der Region Stuttgart-Heilbronn in der Kochfabrik in Cannstatt veranstaltet wurde.

Durch das tolle Wetter, das ansprechende Ambiente und den bewusst kleingehaltenen Teilnehmendenkreis entstand von Anfang an eine angenehme und erwartungsfrohe Atmosphäre. Und nachdem gleich in der Einführung die mitgebrachten Erwartungen, Befürchtungen und Überzeugungen besprochen werden konnten, war die Offenheit für das Seminar spürbar noch größer.

Im ersten Teil widmeten wir uns dann zunächst einer Achtsamkeitsübung, die ich normalerweise mit Trainern und Spielern als Vorbereitung auf ein Training oder Spiel mache. Sie dient dazu, sich bewusst von der zurückliegenden Situation oder Begegnung zu lösen und sich auf das Gegenwärtige und Zukünftige zu fokussieren – ideal auch als Reflexionspause für stressgeplagte Führungskräfte, die ständig von einem zum nächsten Termin springen und immer wieder neu präsent und aufnahmefähig sein müssen. Im weiteren Verlauf betrachteten wir einen von Zukunftsforscher Matthias Horx verfassten Artikel zum „Megatrend Achtsamkeit“ und schauten uns Zahlen und Prognosen zur Gesundheitslage in Deutschland an, um dann im Anschluss auf die Lebensumstände der Gegenwart und die außer Atem geratenen Akteure der Hochleistungssysteme Sport und Wirtschaft zu blicken.

 

Nach dieser ersten Betrachtung ging es im zweiten Teil des Seminars mit Hilfe einer Outdoor-Kontemplationsübung im wahrsten Sinne des Wortes darum „rauszukommen“ und in Kontakt mit sich selbst zu treten. Wie schwierig und doch gleichzeitig wichtig und wohltuend das bewusste Wahrnehmen mit allen Sinnen ist, wurde nach der Rückkehr in die Kochfabrik beim Austausch mit den Teilnehmenden deutlich.

 

Im dritten Teil, der gespickt war mit verschiedenen Statements aus dem Buch „Spielunterbrechung“ von Oliver Bierhoff, standen in verschiedenen Reflexions-, Einordnungs- und Gruppenübungen aus dem Sinn- und Life-Coaching die Themen „Dimensionen der Lebensbalance“ und „balance@work“ im Mittelpunkt.

 

Nach dieser langen Phase ging es dann im vierten Teil des Seminars unter der Kapitelüberschrift „Achtsamkeit und Führung“ darum, von der Selbstachtsamkeit zur Achtsamkeit gegenüber den Mitarbeitenden zu gelangen. Im Mittelpunkt der Betrachtung stand die Frage: „Wie erreiche ich als Führungskraft die Herzen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?“ Um sich im Loben und Motivieren zu üben, führten wir eine sogenannte „Lobkreis“-Übung durch – für die Teilnehmenden und mich als Referenten der wohl berührendste Teil des Seminars.

 

Nach einem kurzen Fazit und Ausblick – und vor einer längeren Feedbackrunde – beendete ich das Seminar mit zwei Zitaten. Das erste lautet in Anlehnung an den bereits verstorbenen französischen Regisseur Jacques Tati: „Geh’ im (Arbeits-) Leben auf, nicht unter – und verhilf auch anderen dazu.” Das zweite Zitat stammt von Steven Gerrard, einer Legende des FC Liverpool, der nach einem Gespräch mit Reds-Trainer Jürgen Klopp in einem Zeitungsinterview sagte: „Klopp made me feel a foot taller.“

Haben auch Sie als Trainer oder Führungskraft schon einmal ein ähnliches Kompliment erhalten? Oder sehnen Sie sich danach, so gesehen zu werden? Schreiben Sie mir. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören und mich mit Ihnen auszutauschen!

Ihr Michael Micic

Das fehlende Puzzlestück in der Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern

Kennen Sie noch die Sängerin Robyn und ihren 90er-Jahre-Ohrwurm „You’ve got that somethin’ – übersetzt: Du hast etwas Besonderes, das gewisse Etwas?” Unter diesem Motto stand mein Mix aus Keynote und Workshop am Eröffnungstag des 3. International Instructors Course „Sport for Development“, der vom 01.-11. September in Kamen-Kaiserau stattfand und vom DFB sowie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) veranstaltet wurde.

 

 

Kursleiter waren Sascha Bauer (rechts im Bild), Auslandsexperte des DFB, und Dr. Ben Weinberg (links im Bild), externer Berater für die Abteilung für Wirtschaft und Soziales der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – und außerdem Lehrkraft am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Teilgenommen hatten 30 Trainerinnen und Trainer, die aus 17 Ländern und vier Kontinenten in Deutschland zusammengekommen waren, um sich sowohl sportpädagogisch als auch bzgl. neuer Trainingsmethoden weiterzubilden und Erfahrungen auszutauschen.

Besucht wurden sie während der Kurstage u.a. von Gerald Asamoah. Der langjährige Schalker Stürmer und ehemalige deutsche Nationalspieler, der die „Sport für Entwicklung“-Maßnahmen von BMZ und DFB als Botschafter unterstützt und ghanaische Wurzeln hat, zeigte sich in dem auf der Website des DFB veröffentlichten Bericht beeindruckt davon, „was die Trainerinnen und Trainer in ihren Heimatländern alles mit Hilfe des Sports bewegen und wie sie den Ansatz ‚Sport für Entwicklung‘ einsetzen – obwohl die Bedingungen oft schwierig sind” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).  Bei diesem Ansatz – so stellt es der Bericht auf der DFB-Website klar – „geht es nicht um Leistungssport, sondern darum, welchen Beitrag Fußball zur Entwicklung, Bildung, Gesundheit und sozialen Förderung von Kindern und Jugendlichen in Entwicklungs- und Schwellenländern leisten kann” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).

Doch warum ist das so – oder anders gefragt: Haben „Sport for Development” und andere persönlichkeitsfördernde Betreuungs- und Förderformate nicht auch eine Relevanz und Potenzial für den Profi- und Leistungsfußball in Deutschland? Mit dieser zentralen Frage habe ich mich in der Vorbereitung auf meine Keynote und den anschließenden Workshop auseinandergesetzt. Und ich bin zu der Antwort gekommen, dass die Relevanz und das Potenzial sowohl für die Bundesligavereine und deren Nachwuchsleistungszentren als auch für die Nationalmannschaften sehr hoch sind. Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences”, die im vergangenen Jahr von der GIZ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln als Leitlinien für „Lead Instructors, Instructors, Coaches and Children/Youth” im Amateur- und Entwicklungsbereich erarbeitet worden sind – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League (https://sportschaplaincy.org.uk/) – oder der Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs, den ich zuerst beim 1. FC Köln implementiert habe und seit 2015 in Wirtschaft und Sport anbiete, haben das gewisse „somethin’”, das für die Entwicklung des deutschen Fußballs eine hohe Relevanz darstellt. Denn sie betrachten die Trainer und Spieler nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch als Person mit ihren Gedanken und Gefühlen, Einstellungen und Überzeugungen – nicht nur die Leistung, sondern auch das Leben. Sie stehen für eine ganzheitliche und nachhaltige Weiterentwicklung, die sich auf und neben dem Platz zeigen soll.

Dass eine (solche) Weiterentwicklung im deutschen Fußball vonnöten ist, zeigt nicht nur das Vorrundenaus der Nationalmannschaft bei der diesjährigen WM in Russland, das laut Oliver Bierhoff und Jogi Löw auch auf ein Einstellungsdefizit zurückzuführen ist (http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/1808/Artikel/wm-analyse-die-wichtigsten-erkenntnisse-von-joachim-loew-und-oliver-bierhoff.html), sondern ebenso die bereits davor emotional geführten Diskussionen über die Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern, die im internationalen Vergleich, insbesondere gegenüber England, inzwischen das Nachsehen hat (https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html). Initiativen und Kampagnen der Verbände, wie z.B. „Lebe gesund“ oder „Equal Game“ (früher: „No to Racism“), waren und sind wichtig; gleiches gilt für das duale Ausbildungskonzept im Nachwuchsbereich, Leitbilder und Verhaltenskodizes sowie Infoveranstaltungen zu Dopingprävention, Sportwetten oder einem angemessenen Umgang mit sozialen Medien. Ebenso ist es im Grundsatz nachvollziehbar, dass im Rahmen der NLZ-Zertifizierung für eine bestmögliche Bewertung u.a. eine sportpsychologische Betreuung Voraussetzung ist. Allerdings liegt der Fokus der sportpsychologischen Arbeit in der Regel auf der Optimierung von mentalen Strategien für die Vorbereitung und Durchführung von Wettkämpfen und nicht auf Fragen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur gelingenden Lebensgestaltung. D.h. in der Sportpsychologie geht es schwerpunktmäßig um Performance (Drath, Karsten 2012. Coaching und seine Wurzeln: Erfolgreiche Interventionen und ihre Ursprünge. Freiburg: Haufe-Lexware; Handow, Oskar 2003. Coaching und Leistungssport in Leistungssport und Wirtschaft. Dr. phil. Dissertation. Universität der Bundeswehr: München.).

Allerdings darf laut Hansi Flick, Frank Kramer, Mehmet Scholl oder auch Niko Kovac gerade in  den Nachwuchsleistungszentren nicht nur die Performance und Perfektion im Vordergrund stehen; vielmehr muss dort auch Raum für Kreativität, Individualität und fürs Menschsein gegeben sein ((https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html; https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2018/07/niko-kovac-vom-fc-bayern-kritisiert-ausbildung-im-nachwuchs-wie-mehmet-scholl). Es braucht neue Ansätze und Methoden, die beides besser miteinander vereinen und starke Persönlichkeiten hervorbringen. Entsprechend forderten Ewald Lienen und Katja Kraus kürzlich bei der Sendung von Markus Lanz im ZDF unisono (https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-6-september-2018-100.html), dass (insbesondere junge) Spieler in den Clubs im Bereich Persönlichkeitsentwicklung besser gefördert werden müssten (Lienen 2018: 1:00:00) sowie eine „extrem […] gute Führung [benötigen], um da einigermaßen gut durchzukommen” (Kraus 2018:1:04:38).

Dass es trotz vieler positiver Entwicklungen im deutschen Fußball auch bereits seit Längerem Stagnationserscheinungen und Fehlentwicklungen gibt, die laut Ewald Lienen allerdings „in diesem Lande immer erst dann [… diskutiert worden], wenn die Nationalmannschaft nicht erfolgreich ist” (2018:54:15 min), verdeutlicht ein Appell von Jürgen Klinsmann aus dem Jahr 2008. Bereits damals forderte er, die Ausbildung zum Fußballlehrer um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” zu erweitern (https://www.sueddeutsche.de/sport/der-kopf-wird-nicht-trainiert-juergen-klinsmann-der-neue-trainer-des-fc-bayern-muenchen-1.598758). Und ein Jahr später gab er zu bedenken, dass es zwar eine Ausbildung zum Fußballspieler gebe, jedoch nicht zu einem Leben als Fußballprofi, der weiß, wie er mit seinem Umfeld umgehen und sein Leben gestalten soll (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/im-gespraech-juergen-klinsmann-hoeness-haette-sich-auch-verabschieden-muessen-1901209.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0). Ich bin davon überzeugt, dass entsprechend ganzheitliche Angebote der Vereine und Verbände heute insbesondere Toptalenten wie beispielsweise Mario Götze, Leroy Sané oder Jann-Fiete Arp helfen könnten, mit dem Hype um ihre Person besser umzugehen und mehr Konstanz in ihre Leistungen zu bringen.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses zentrale Puzzleteil in der Begleitung und Förderung von Trainern und Spielern der Profi-, Nachwuchs- und Nationalmannschaften in Zukunft eine stärkere Bedeutung erhält und integrativer Ausbildungsbestandteil im deutschen Fußball wird – insbesondere in der Fußballlehrer-Ausbildung, die auch zehn Jahre nach Klinsmanns Forderung keinen fünften Bereich  „Life-Skills und Persönlichkeitsentwicklung” aufweist, sondern nach wie vor auf den bereits 2008 existierenden vier Säulen „Fußball-Lehre, Psychologie, Physiologie und Spezialgebiete“ steht (https://www.dfb.de/sportl-strukturen/trainerausbildung/fussball-lehrer/). Wie wichtig nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung von Spielern, sondern auch von Trainern ist, betont neben Jürgen Klinsmann auch Ewald Lienen. Er konstatiert: „Wenn ich möchte, dass sich die Persönlichkeit der Spieler entwickelt, dann muss ich auch Persönlichkeiten bei den Trainern da haben” (2018:1:02:16). Durch die Erweiterung der Fußballlehrer-Ausbildung um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” könnte der DFB eine Vorreiterrolle einnehmen und so einen wichtigen Impuls für die positive Entwicklung des Fußballs in Deutschland setzen. Und das Beste: Er müsste dabei kein aufwendig gestaltetes eigenes Konzept kreieren, sondern könnte auf bereits vorhandene Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences” aus dem Amateur- und Entwicklungsbereich – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League – oder den Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs zurückgreifen, den ich unter Einbeziehung der Geisteswissenschaften im interdisziplinären Rahmen der Humanities entwickelt habe und bereits in Wirtschaft und Sport umsetze. Denn alle drei vorgestellten Betreuungs- und Förderformate haben etwas Besonderes, das gewisse Etwas, „that somethin’”.

Viele Grüße
Ihr Michael Micic

 

 

 

 

CONNECTED – Was haben die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam?

In den vergangenen Wochen und Monaten wurden im Profifußball einige Grundsatzthemen zwar kontrovers, aber kaum aufeinander bezogen und auch nicht nachhaltig diskutiert. Mein Blogeintrag ist deshalb der Versuch, eine richtungsweisende Gesamtbetrachtung vorzunehmen und dabei darauf zu achten, was die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam haben. Aber der Reihe nach …

Im Dezember vergangenen Jahres holte der frühere Weltklassespieler und Edeltechniker Mehmet Scholl in seiner Radio-Sendung „Mehmets Schollplatten“ erneut zum Rundumschlag gegen die junge deutsche Trainergeneration aus. Die bereits im Jahr 2015 von ihm als „Laptop-Trainer“ bezeichneten Coaches stellen seiner Meinung nach allein das Kollektiv in den Vordergrund und seien „nicht wirklich an den Menschen und den Fußballern interessiert“. Deshalb gehe jegliche Individualität verloren. Spieler, die auf dem Platz den Unterschied ausmachen könnten und charakterlich häufig nicht leicht zu handeln seien, würden aussortiert. Übrig bleibe dann nur noch „eine weichgespülte Masse […], die erfolgreich sein wird, aber niemals das Große gewinnen wird“.

Etwa zur gleichen Zeit wie Mehmet Scholl bemängelte Freiburgs Nils Petersen, dass die Fußballbranche zu oberflächlich sei und er als Profi das Gefühl habe zu verblöden. Sein derzeitiges BWL-Fernstudium sei stupide und langweilig – und die Zuschauer auf den Rängen im Stadion „insgesamt wohl intellektueller und schlauer als ich“.  Petersen schäme sich manchmal, „weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze“. Monate später griff Petersens Mitspieler und Kapitän Julian Schuster die Kritikpunkte auf und forderte von der Bundesliga bessere Weiterbildungsmöglichkeiten – und zwar solche, „die auf den Alltag eines Profi-Fußballers abgestimmt sind“ und „mit denen ich auch außerhalb des Fußballbereichs etwas anfangen kann“. Bestehende Angebote an den Hochschulen hätten den Nachteil, dass sie vielfach von Profis ungenutzt bleiben müssten, da „wir nicht flexibel sind. Wir können beispielsweise kein Studium mit Anwesenheitspflicht machen“, sagte Schuster.

Während Schuster und Petersen ein Bildungsdefizit bei Profi-Fußballern sehen, beklagte Per Mertesacker deren extreme Drucksituation. Der Weltmeister von 2014 und aktuelle Arsenal-Kapitän hatte in einem Spiegel-Interview Anfang März dieses Jahres zugegeben, dass sein Körper über die gesamte Profikarriere hinweg an Spieltagen und bei Turnieren auf den enormen Druck mit Brechreiz und Durchfall reagiert habe. Besonders schlimm sei es bei der Heim-WM 2006 gewesen. Mertesacker „war erleichtert, als wir gegen Italien ausgeschieden sind. […] Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.“ Bei der WM damals wie auch insgesamt im Fußballgeschäft gehe es „null mehr um Spaß […], sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“.

Diesen enormen Performance-Druck kann und will Oliver Bierhoff zwar nicht wegnehmen; denn schließlich muss man sich seiner Meinung nach „als Spieler bewusst sein, dass man immer wieder mit enormem Druck von außen und ständiger Bewertung konfrontiert wird – durch Fans, Vereine, Sponsoren, Medien“. Andererseits sollten die Vereine und Verbände „den Akteuren aber auch helfen. Und sie müssen sich helfen lassen.“ Vor allem gehe es darum, dass die Verantwortlichen dem Individuum „noch stärker zuhören“.

An den Menschen interessiert sein und die Individualität der Spieler fördern (Scholl); auf den Alltag der Profi-Fußballer abgestimmte Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen (Petersen und Schuster); Spieler nicht nur zu Hochleistungsmaschinen trimmen, sondern sie auch Spaß am Fußball haben lassen (Mertesacker); ihnen helfen und ihnen stärker zuhören (Bierhoff)  – auf einen gemeinsamen Nenner gebracht: die Person und die Persönlichkeit hinter den Profi-Fußballern zu sehen, zu achten und zu fördern. Das ist das, was alle genannten Akteure und Verantwortlichen unisono gemeinsam von den Vereinen und Verbänden letztendlich fordern und erwarten.

Dabei geht es nicht darum, Leistungsorientierung durch Menschenorientierung zu ersetzen, sondern beides angemessen aufeinander zu beziehen. Eine Angemessenheit ist nur dann gewährleistet, wenn das Menschliche und Individuelle nicht auf der Strecke bleibt, sondern das Leistungsdenken begrenzt. Was der Fußball aus meiner Sicht daher dringend benötigt, ist eine humane Leistungsorientierung – und das bedeutet für alle (!) Stakeholder des Fußballs, sich gegenseitig nicht auf die jeweilige Funktion zu reduzieren, sondern bei aller Intensität und Rivalität immer noch den wertvollen und einzigartigen Menschen im Anderen zu sehen. Und damit würde man auch sich selbst etwas Gutes tun. Denn wer den Menschen im Anderen nicht mehr sieht, der sieht auch den Menschen in sich selbst nicht mehr. Ist es das wert?

Viele Grüße und bis demnächst!
Ihr Michael Micic