Life-Coaching meets Club Chaplaincy @ London 2018

Nachdem ich bereits im Jahr 2010 in den Nordwesten Englands gereist war, um u.a. bei Manchester United, Manchester City und dem FC Liverpool zu hospitieren (siehe Hospitationsbericht: https://michael-micic.com/referenzen-von-michael-micic/#england), und im Jahr 2014 an der Chaplaincy Conference in Northampton (siehe Konferenzbericht: https://michael-micic.com/referenzen-von-michael-micic/#england) teilgenommen hatte, war es nun vier Jahre später im November 2018 an der Zeit, einigen englischen Kollegen mal wieder „face to face“ zu begegnen und nicht nur per Videoanruf oder Textnachricht mit ihnen zu kommunizieren.

Dieses Mal ging die mehrtägige Reise nach London, wo ich mich zunächst mit einem deutschen Sportfunktionär treffen und später mit einigen Kollegen von Club Chaplaincy UK in den Räumlichkeiten des Traditionsclubs Charlton Athletic über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Entwicklungen und Herausforderungen der Betreuungsformate Club Chaplaincy und Life-Coaching austauschen konnte. Mit dabei waren Matt Baker (Chaplaincy Pastoral Support Director in English Football sowie Club Chaplain Charlton), Gareth Morgan (Club Chaplain Charlton Academy), Buddy Owen (Tranmere Rovers, aus Zeitgründen nicht im gemeinsamen Video/Bild-Selfie dabei) sowie der ehemalige Profi des FC Portsmouth, Linvoy Primus.

 

Einen Tag später besuchte ich ein Heimspiel des Charlton Athletic FC, das im Rahmen des Remembrance Day stattfand, der zur Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkrieges gefeiert wird. Entsprechend hielt Club Chaplain Matt Baker eine Gedenkrede (https://www.cafc.co.uk/news/view/5bdb286496052/for-club-and-country-charlton-plant-trees-in-memory-of-fallen-heroes). Aber nicht nur an diesem besonderen Tag, auch unabhängig davon zeigt sich im und um das Stadion, wie stark die Erinnerungskultur in England gelebt wird.

So befindet sich vor dem Stadion, direkt vor dem Eingang zur Geschäftsstelle, eine Statue der Charlton-Torwartlegende Sam Bartram (http://www.offbeat.group.shef.ac.uk/statues/STUK_Bartram_Sam.htm). Unmittelbar daneben können sich Vereinsinterne sowie -angehörige und Fans auf den „Memorial Plaques“ verewigen. Im „Memorial Garden“ haben Hinterbliebene die Möglichkeit, die Asche ihrer toten Angehörigen dort zu verstreuen. Ein weiteres Stück „Erinnerungskultur“ ist ein einzelner Sitz in der Gegengerade, der ursprünglich eine rote Farbe hatte und dann im Jahr 2017 zur Erinnerung an Keith Palmer weiß gefärbt wurde, nachdem der Club erfahren hatte, dass der Polizist, der von einem Attentäter vor dem House of Parlament niedergestochen worden war, eine Dauerkarte für Charlton Athletic besessen und bei den Heimspielen stets dort auf diesem Platz gesessen hatte (https://metro.co.uk/2017/04/04/charlton-athletic-honour-london-terror-attack-hero-pc-keith-palmer-after-tragic-death-6554092/).

 

Neben der Erinnerungskultur werden im Club auch Rituale gepflegt. So lädt Chaplain Matt Baker die Spieler vor jedem Spiel zum sogenannten Pre-Match-Prayer ein, was auch dieses Mal wieder von einigen Profis besucht wurde. In einem dafür umfunktionierten Prayer Room im Spielertunnel dabei sein zu dürfen, war für mich ein besonderes Highlight – ebenso wie die kurze Begegnung mit dem deutschen Profi Patrick Bauer, der über seine Stationen beim VfB Stuttgart und in Portugal inzwischen seit 2015 bei Charlton spielt. Ursprünglich stammt Bauer aus Backnang bei Stuttgart. Ein Schwabe also. Mo hörd’s.

Schwäbisch war auch nach meiner Ankunft am nächsten Tag in Stuttgart wieder vermehrt zu hören. Da wusste ich, dass ich zu Hause bin. Mal sehen, ob es wieder vier Jahre dauern wird, bis ich erneut nach England reise. Schön war es bisher jedenfalls jedes Mal.

Bis demnächst

Ihr Michael Micic

Selbstachtsamkeits-Seminar@Marketing Club Region Stuttgart-Heilbronn

Wie können sich Führungskräfte aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich (besser) in Selbstachtsamkeit üben und gibt es dazu Anwendungsbeispiele und -hilfen aus dem Bereich des Spitzensports? Um diese und weitere Fragestellungen ging es bei meinem Seminar mit dem Titel „Durch Selbstachtsamkeit in Führung gehen“, das am 13. Oktober vom Marketing Club der Region Stuttgart-Heilbronn in der Kochfabrik in Cannstatt veranstaltet wurde.

Durch das tolle Wetter, das ansprechende Ambiente und den bewusst kleingehaltenen Teilnehmendenkreis entstand von Anfang an eine angenehme und erwartungsfrohe Atmosphäre. Und nachdem gleich in der Einführung die mitgebrachten Erwartungen, Befürchtungen und Überzeugungen besprochen werden konnten, war die Offenheit für das Seminar spürbar noch größer.

Im ersten Teil widmeten wir uns dann zunächst einer Achtsamkeitsübung, die ich normalerweise mit Trainern und Spielern als Vorbereitung auf ein Training oder Spiel mache. Sie dient dazu, sich bewusst von der zurückliegenden Situation oder Begegnung zu lösen und sich auf das Gegenwärtige und Zukünftige zu fokussieren – ideal auch als Reflexionspause für stressgeplagte Führungskräfte, die ständig von einem zum nächsten Termin springen und immer wieder neu präsent und aufnahmefähig sein müssen. Im weiteren Verlauf betrachteten wir einen von Zukunftsforscher Matthias Horx verfassten Artikel zum „Megatrend Achtsamkeit“ und schauten uns Zahlen und Prognosen zur Gesundheitslage in Deutschland an, um dann im Anschluss auf die Lebensumstände der Gegenwart und die außer Atem geratenen Akteure der Hochleistungssysteme Sport und Wirtschaft zu blicken.

 

Nach dieser ersten Betrachtung ging es im zweiten Teil des Seminars mit Hilfe einer Outdoor-Kontemplationsübung im wahrsten Sinne des Wortes darum „rauszukommen“ und in Kontakt mit sich selbst zu treten. Wie schwierig und doch gleichzeitig wichtig und wohltuend das bewusste Wahrnehmen mit allen Sinnen ist, wurde nach der Rückkehr in die Kochfabrik beim Austausch mit den Teilnehmenden deutlich.

 

Im dritten Teil, der gespickt war mit verschiedenen Statements aus dem Buch „Spielunterbrechung“ von Oliver Bierhoff, standen in verschiedenen Reflexions-, Einordnungs- und Gruppenübungen aus dem Sinn- und Life-Coaching die Themen „Dimensionen der Lebensbalance“ und „balance@work“ im Mittelpunkt.

 

Nach dieser langen Phase ging es dann im vierten Teil des Seminars unter der Kapitelüberschrift „Achtsamkeit und Führung“ darum, von der Selbstachtsamkeit zur Achtsamkeit gegenüber den Mitarbeitenden zu gelangen. Im Mittelpunkt der Betrachtung stand die Frage: „Wie erreiche ich als Führungskraft die Herzen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?“ Um sich im Loben und Motivieren zu üben, führten wir eine sogenannte „Lobkreis“-Übung durch – für die Teilnehmenden und mich als Referenten der wohl berührendste Teil des Seminars.

 

Nach einem kurzen Fazit und Ausblick – und vor einer längeren Feedbackrunde – beendete ich das Seminar mit zwei Zitaten. Das erste lautet in Anlehnung an den bereits verstorbenen französischen Regisseur Jacques Tati: „Geh’ im (Arbeits-) Leben auf, nicht unter – und verhilf auch anderen dazu.” Das zweite Zitat stammt von Steven Gerrard, einer Legende des FC Liverpool, der nach einem Gespräch mit Reds-Trainer Jürgen Klopp in einem Zeitungsinterview sagte: „Klopp made me feel a foot taller.“

Haben auch Sie als Trainer oder Führungskraft schon einmal ein ähnliches Kompliment erhalten? Oder sehnen Sie sich danach, so gesehen zu werden? Schreiben Sie mir. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören und mich mit Ihnen auszutauschen!

Ihr Michael Micic

Das fehlende Puzzlestück in der Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern

Kennen Sie noch die Sängerin Robyn und ihren 90er-Jahre-Ohrwurm „You’ve got that somethin’ – übersetzt: Du hast etwas Besonderes, das gewisse Etwas?” Unter diesem Motto stand mein Mix aus Keynote und Workshop am Eröffnungstag des 3. International Instructors Course „Sport for Development“, der vom 01.-11. September in Kamen-Kaiserau stattfand und vom DFB sowie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) veranstaltet wurde.

 

 

Kursleiter waren Sascha Bauer (rechts im Bild), Auslandsexperte des DFB, und Dr. Ben Weinberg (links im Bild), externer Berater für die Abteilung für Wirtschaft und Soziales der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – und außerdem Lehrkraft am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Teilgenommen hatten 30 Trainerinnen und Trainer, die aus 17 Ländern und vier Kontinenten in Deutschland zusammengekommen waren, um sich sowohl sportpädagogisch als auch bzgl. neuer Trainingsmethoden weiterzubilden und Erfahrungen auszutauschen.

Besucht wurden sie während der Kurstage u.a. von Gerald Asamoah. Der langjährige Schalker Stürmer und ehemalige deutsche Nationalspieler, der die „Sport für Entwicklung“-Maßnahmen von BMZ und DFB als Botschafter unterstützt und ghanaische Wurzeln hat, zeigte sich in dem auf der Website des DFB veröffentlichten Bericht beeindruckt davon, „was die Trainerinnen und Trainer in ihren Heimatländern alles mit Hilfe des Sports bewegen und wie sie den Ansatz ‚Sport für Entwicklung‘ einsetzen – obwohl die Bedingungen oft schwierig sind” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).  Bei diesem Ansatz – so stellt es der Bericht auf der DFB-Website klar – „geht es nicht um Leistungssport, sondern darum, welchen Beitrag Fußball zur Entwicklung, Bildung, Gesundheit und sozialen Förderung von Kindern und Jugendlichen in Entwicklungs- und Schwellenländern leisten kann” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).

Doch warum ist das so – oder anders gefragt: Haben „Sport for Development” und andere persönlichkeitsfördernde Betreuungs- und Förderformate nicht auch eine Relevanz und Potenzial für den Profi- und Leistungsfußball in Deutschland? Mit dieser zentralen Frage habe ich mich in der Vorbereitung auf meine Keynote und den anschließenden Workshop auseinandergesetzt. Und ich bin zu der Antwort gekommen, dass die Relevanz und das Potenzial sowohl für die Bundesligavereine und deren Nachwuchsleistungszentren als auch für die Nationalmannschaften sehr hoch sind. Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences”, die im vergangenen Jahr von der GIZ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln als Leitlinien für „Lead Instructors, Instructors, Coaches and Children/Youth” im Amateur- und Entwicklungsbereich erarbeitet worden sind – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League (https://sportschaplaincy.org.uk/) – oder der Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs, den ich zuerst beim 1. FC Köln implementiert habe und seit 2015 in Wirtschaft und Sport anbiete, haben das gewisse „somethin’”, das für die Entwicklung des deutschen Fußballs eine hohe Relevanz darstellt. Denn sie betrachten die Trainer und Spieler nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch als Person mit ihren Gedanken und Gefühlen, Einstellungen und Überzeugungen – nicht nur die Leistung, sondern auch das Leben. Sie stehen für eine ganzheitliche und nachhaltige Weiterentwicklung, die sich auf und neben dem Platz zeigen soll.

Dass eine (solche) Weiterentwicklung im deutschen Fußball vonnöten ist, zeigt nicht nur das Vorrundenaus der Nationalmannschaft bei der diesjährigen WM in Russland, das laut Oliver Bierhoff und Jogi Löw auch auf ein Einstellungsdefizit zurückzuführen ist (http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/1808/Artikel/wm-analyse-die-wichtigsten-erkenntnisse-von-joachim-loew-und-oliver-bierhoff.html), sondern ebenso die bereits davor emotional geführten Diskussionen über die Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern, die im internationalen Vergleich, insbesondere gegenüber England, inzwischen das Nachsehen hat (https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html). Initiativen und Kampagnen der Verbände, wie z.B. „Lebe gesund“ oder „Equal Game“ (früher: „No to Racism“), waren und sind wichtig; gleiches gilt für das duale Ausbildungskonzept im Nachwuchsbereich, Leitbilder und Verhaltenskodizes sowie Infoveranstaltungen zu Dopingprävention, Sportwetten oder einem angemessenen Umgang mit sozialen Medien. Ebenso ist es im Grundsatz nachvollziehbar, dass im Rahmen der NLZ-Zertifizierung für eine bestmögliche Bewertung u.a. eine sportpsychologische Betreuung Voraussetzung ist. Allerdings liegt der Fokus der sportpsychologischen Arbeit in der Regel auf der Optimierung von mentalen Strategien für die Vorbereitung und Durchführung von Wettkämpfen und nicht auf Fragen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur gelingenden Lebensgestaltung. D.h. in der Sportpsychologie geht es schwerpunktmäßig um Performance (Drath, Karsten 2012. Coaching und seine Wurzeln: Erfolgreiche Interventionen und ihre Ursprünge. Freiburg: Haufe-Lexware; Handow, Oskar 2003. Coaching und Leistungssport in Leistungssport und Wirtschaft. Dr. phil. Dissertation. Universität der Bundeswehr: München.).

Allerdings darf laut Hansi Flick, Frank Kramer, Mehmet Scholl oder auch Niko Kovac gerade in  den Nachwuchsleistungszentren nicht nur die Performance und Perfektion im Vordergrund stehen; vielmehr muss dort auch Raum für Kreativität, Individualität und fürs Menschsein gegeben sein ((https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html; https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2018/07/niko-kovac-vom-fc-bayern-kritisiert-ausbildung-im-nachwuchs-wie-mehmet-scholl). Es braucht neue Ansätze und Methoden, die beides besser miteinander vereinen und starke Persönlichkeiten hervorbringen. Entsprechend forderten Ewald Lienen und Katja Kraus kürzlich bei der Sendung von Markus Lanz im ZDF unisono (https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-6-september-2018-100.html), dass (insbesondere junge) Spieler in den Clubs im Bereich Persönlichkeitsentwicklung besser gefördert werden müssten (Lienen 2018: 1:00:00) sowie eine „extrem […] gute Führung [benötigen], um da einigermaßen gut durchzukommen” (Kraus 2018:1:04:38).

Dass es trotz vieler positiver Entwicklungen im deutschen Fußball auch bereits seit Längerem Stagnationserscheinungen und Fehlentwicklungen gibt, die laut Ewald Lienen allerdings „in diesem Lande immer erst dann [… diskutiert worden], wenn die Nationalmannschaft nicht erfolgreich ist” (2018:54:15 min), verdeutlicht ein Appell von Jürgen Klinsmann aus dem Jahr 2008. Bereits damals forderte er, die Ausbildung zum Fußballlehrer um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” zu erweitern (https://www.sueddeutsche.de/sport/der-kopf-wird-nicht-trainiert-juergen-klinsmann-der-neue-trainer-des-fc-bayern-muenchen-1.598758). Und ein Jahr später gab er zu bedenken, dass es zwar eine Ausbildung zum Fußballspieler gebe, jedoch nicht zu einem Leben als Fußballprofi, der weiß, wie er mit seinem Umfeld umgehen und sein Leben gestalten soll (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/im-gespraech-juergen-klinsmann-hoeness-haette-sich-auch-verabschieden-muessen-1901209.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0). Ich bin davon überzeugt, dass entsprechend ganzheitliche Angebote der Vereine und Verbände heute insbesondere Toptalenten wie beispielsweise Mario Götze, Leroy Sané oder Jann-Fiete Arp helfen könnten, mit dem Hype um ihre Person besser umzugehen und mehr Konstanz in ihre Leistungen zu bringen.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses zentrale Puzzleteil in der Begleitung und Förderung von Trainern und Spielern der Profi-, Nachwuchs- und Nationalmannschaften in Zukunft eine stärkere Bedeutung erhält und integrativer Ausbildungsbestandteil im deutschen Fußball wird – insbesondere in der Fußballlehrer-Ausbildung, die auch zehn Jahre nach Klinsmanns Forderung keinen fünften Bereich  „Life-Skills und Persönlichkeitsentwicklung” aufweist, sondern nach wie vor auf den bereits 2008 existierenden vier Säulen „Fußball-Lehre, Psychologie, Physiologie und Spezialgebiete“ steht (https://www.dfb.de/sportl-strukturen/trainerausbildung/fussball-lehrer/). Wie wichtig nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung von Spielern, sondern auch von Trainern ist, betont neben Jürgen Klinsmann auch Ewald Lienen. Er konstatiert: „Wenn ich möchte, dass sich die Persönlichkeit der Spieler entwickelt, dann muss ich auch Persönlichkeiten bei den Trainern da haben” (2018:1:02:16). Durch die Erweiterung der Fußballlehrer-Ausbildung um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” könnte der DFB eine Vorreiterrolle einnehmen und so einen wichtigen Impuls für die positive Entwicklung des Fußballs in Deutschland setzen. Und das Beste: Er müsste dabei kein aufwendig gestaltetes eigenes Konzept kreieren, sondern könnte auf bereits vorhandene Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences” aus dem Amateur- und Entwicklungsbereich – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League – oder den Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs zurückgreifen, den ich unter Einbeziehung der Geisteswissenschaften im interdisziplinären Rahmen der Humanities entwickelt habe und bereits in Wirtschaft und Sport umsetze. Denn alle drei vorgestellten Betreuungs- und Förderformate haben etwas Besonderes, das gewisse Etwas, „that somethin’”.

Viele Grüße
Ihr Michael Micic

 

 

 

 

CONNECTED – Was haben die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam?

In den vergangenen Wochen und Monaten wurden im Profifußball einige Grundsatzthemen zwar kontrovers, aber kaum aufeinander bezogen und auch nicht nachhaltig diskutiert. Mein Blogeintrag ist deshalb der Versuch, eine richtungsweisende Gesamtbetrachtung vorzunehmen und dabei darauf zu achten, was die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam haben. Aber der Reihe nach …

Im Dezember vergangenen Jahres holte der frühere Weltklassespieler und Edeltechniker Mehmet Scholl in seiner Radio-Sendung „Mehmets Schollplatten“ erneut zum Rundumschlag gegen die junge deutsche Trainergeneration aus. Die bereits im Jahr 2015 von ihm als „Laptop-Trainer“ bezeichneten Coaches stellen seiner Meinung nach allein das Kollektiv in den Vordergrund und seien „nicht wirklich an den Menschen und den Fußballern interessiert“. Deshalb gehe jegliche Individualität verloren. Spieler, die auf dem Platz den Unterschied ausmachen könnten und charakterlich häufig nicht leicht zu handeln seien, würden aussortiert. Übrig bleibe dann nur noch „eine weichgespülte Masse […], die erfolgreich sein wird, aber niemals das Große gewinnen wird“.

Etwa zur gleichen Zeit wie Mehmet Scholl bemängelte Freiburgs Nils Petersen, dass die Fußballbranche zu oberflächlich sei und er als Profi das Gefühl habe zu verblöden. Sein derzeitiges BWL-Fernstudium sei stupide und langweilig – und die Zuschauer auf den Rängen im Stadion „insgesamt wohl intellektueller und schlauer als ich“.  Petersen schäme sich manchmal, „weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze“. Monate später griff Petersens Mitspieler und Kapitän Julian Schuster die Kritikpunkte auf und forderte von der Bundesliga bessere Weiterbildungsmöglichkeiten – und zwar solche, „die auf den Alltag eines Profi-Fußballers abgestimmt sind“ und „mit denen ich auch außerhalb des Fußballbereichs etwas anfangen kann“. Bestehende Angebote an den Hochschulen hätten den Nachteil, dass sie vielfach von Profis ungenutzt bleiben müssten, da „wir nicht flexibel sind. Wir können beispielsweise kein Studium mit Anwesenheitspflicht machen“, sagte Schuster.

Während Schuster und Petersen ein Bildungsdefizit bei Profi-Fußballern sehen, beklagte Per Mertesacker deren extreme Drucksituation. Der Weltmeister von 2014 und aktuelle Arsenal-Kapitän hatte in einem Spiegel-Interview Anfang März dieses Jahres zugegeben, dass sein Körper über die gesamte Profikarriere hinweg an Spieltagen und bei Turnieren auf den enormen Druck mit Brechreiz und Durchfall reagiert habe. Besonders schlimm sei es bei der Heim-WM 2006 gewesen. Mertesacker „war erleichtert, als wir gegen Italien ausgeschieden sind. […] Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.“ Bei der WM damals wie auch insgesamt im Fußballgeschäft gehe es „null mehr um Spaß […], sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“.

Diesen enormen Performance-Druck kann und will Oliver Bierhoff zwar nicht wegnehmen; denn schließlich muss man sich seiner Meinung nach „als Spieler bewusst sein, dass man immer wieder mit enormem Druck von außen und ständiger Bewertung konfrontiert wird – durch Fans, Vereine, Sponsoren, Medien“. Andererseits sollten die Vereine und Verbände „den Akteuren aber auch helfen. Und sie müssen sich helfen lassen.“ Vor allem gehe es darum, dass die Verantwortlichen dem Individuum „noch stärker zuhören“.

An den Menschen interessiert sein und die Individualität der Spieler fördern (Scholl); auf den Alltag der Profi-Fußballer abgestimmte Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen (Petersen und Schuster); Spieler nicht nur zu Hochleistungsmaschinen trimmen, sondern sie auch Spaß am Fußball haben lassen (Mertesacker); ihnen helfen und ihnen stärker zuhören (Bierhoff)  – auf einen gemeinsamen Nenner gebracht: die Person und die Persönlichkeit hinter den Profi-Fußballern zu sehen, zu achten und zu fördern. Das ist das, was alle genannten Akteure und Verantwortlichen unisono gemeinsam von den Vereinen und Verbänden letztendlich fordern und erwarten.

Dabei geht es nicht darum, Leistungsorientierung durch Menschenorientierung zu ersetzen, sondern beides angemessen aufeinander zu beziehen. Eine Angemessenheit ist nur dann gewährleistet, wenn das Menschliche und Individuelle nicht auf der Strecke bleibt, sondern das Leistungsdenken begrenzt. Was der Fußball aus meiner Sicht daher dringend benötigt, ist eine humane Leistungsorientierung – und das bedeutet für alle (!) Stakeholder des Fußballs, sich gegenseitig nicht auf die jeweilige Funktion zu reduzieren, sondern bei aller Intensität und Rivalität immer noch den wertvollen und einzigartigen Menschen im Anderen zu sehen. Und damit würde man auch sich selbst etwas Gutes tun. Denn wer den Menschen im Anderen nicht mehr sieht, der sieht auch den Menschen in sich selbst nicht mehr. Ist es das wert?

Viele Grüße und bis demnächst!
Ihr Michael Micic

Interview im österreichischen Sport Business Magazin zum Titelthema „You make me“

Als ich vor wenigen Wochen das Angebot erhielt, meine Erfahrungen als Life-Coach in Form eines Interviews im österreichischen Sport Business Magazin mitzuteilen (siehe hier unter https://michael-micic.com/medien/), hatte ich gemischte Gefühle. Einerseits freute ich mich über diese Möglichkeit; andererseits empfand ich das Titelthema „You make me“ doch sehr provokativ und herausfordernd. Kann ich denn als Life-Coach in Wirtschaft und Sport wirklich sagen, dass ich meine Klienten zu dem mache, was sie sind? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen, eine Art Selbstbeweihräucherung? Schließlich hat der Fußballprofi sein Talent von einem Anderen geschenkt bekommen, seine Tore selbst geschossen. Und es bin nicht ich, sondern die Führungskraft selbst, die mit ihrem Team auskommen und gute Ergebnisse erzielen muss. Dennoch habe ich einen kleinen, bescheidenen Anteil daran, wenn meine Klienten ihre selbst definierten Ziele erreichen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger!

Ob bei meiner Tätigkeit in der Wirtschaft oder im Spitzensport: Es erfüllt mich, Menschen in diesen beiden Hochleistungssystemen als Life-Coach zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihre Potenziale zu entfalten sowie ihr Leben gelingend zu gestalten. Das ist meine Leidenschaft, dafür brenne ich! Wenn mir zum Beispiel ein Spieler sagt, dass er die Dinge auf dem Platz oder im Privatleben genau so umsetzen konnte, wie wir sie im Vorfeld im Coaching durchgegangen sind, dann motiviert das nicht nur ihn, sondern auch mich. Und umgekehrt, wenn er mit sich und anderen wieder hadert, unzufrieden und unglücklich ist – dann begleite ich ihn auch und bleibe weiterhin als Sparringspartner und Gegenüber mit Abstand nah und stets erreichbar. Als Life-Coach arbeite ich im Hintergrund, fernab vom Spektakel, aber nur eine Textnachricht, einen Anruf oder ein Treffen weit entfernt – eine Art „stiller Teilhaber“. Ja, das trifft es ganz gut. Das gefällt mir – und erinnert mich daran, dass auch ich jemanden habe, der mein stiller Teilhaber ist und mich „macht“. He makes me! Das wird mir in diesen Tagen wieder neu bewusst. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und bis bald!

Ihr
Michael Micic

Zum unterschiedlichen Coaching-Verständnis in Wirtschaft und Sport

Coaching ist nicht gleich Coaching – so könnte man meinen Vortrag zum Thema „Life-Coaching in Profifußballvereinen“ zusammenfassen, den ich am 30. September bei einer sportwissenschaftlichen Jahrestagung in Bochum gehalten habe. Veranstalter der Jahrestagung, die dieses Mal unter dem Titel „Teaching, Coaching & Analyzing: Möglichkeiten und Grenzen der Individualisierung“ stand, waren die sportwissenschaftliche Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) sowie der Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL).

Das Ziel des Vortrags bestand darin, eine Perspektivenerweiterung vorzunehmen und den Zuhörinnen und Zuhörern aufzuzeigen, dass sich die beiden Hochleistungssysteme Wirtschaft und Sport in ihrem Coachingverständnis diametral voneinander unterscheiden. Denn während der Begriff im Sport als Expertenberatung im Sinne einer einseitigen direktiven Intervention/Anweisung von Seiten der Trainerinnen und Trainer (Coaches) gegenüber einzelnen Akteuren oder dem Team als Ganzes verstanden wird, geht es im Business-Coaching um eine Prozessbegleitung als Förderung auf Augenhöhe. Nicht der Coach gibt dabei das Ziel vor, sondern die Klientenseite – die gleichzeitig allerdings auch in der Pflicht steht, Verantwortung für das eigene Streben, Denken und Handeln zu übernehmen.

Was im Sport unter „Coaching“ definiert wird, gilt in der Wirtschaft eher als „Leading“ oder „Guiding“. Deshalb plädierte ich am Schluss meines Vortrags dafür, dass sich der Sport stärker am Wording in der Wirtschaft orientieren und die Trainerinnen und Trainer sicherstellen sollten, dass sie für ihre Sportlerinnen und Sportler nicht nur gute Anleiter, sondern auch gute Coaches sind, die es verstehen, Potenziale zu entdecken und bestmöglich individuell zu fördern.

Nähere Informationen zu meinem Vortrag erhalten Sie in der nächsten Ausgabe des BDFL-Journals Ende November bzw. in dem entsprechenden PDF-Artikel, den Sie dann auf meiner Medienseite lesen können. Bis dahin!

Viele Grüße
Ihr Michael Micic

 

Rückblick auf meine Keynote beim ITkessel.17 von Konica Minolta IT Solutions in Ludwigsburg

Am 06. Juli 2017 hielt ich beim ITkessel.17 von Konica Minolta IT Solutions, der im Reithaus in Ludwigsburg stattfand, eine Keynote zum Thema „Sozialkompetenz lässt sich nicht digitalisieren“. Wer bei diesem Titel dachte, mein Vortrag sei ein reaktionäres Plädoyer gegen Fortschritt und Digitalisierung, wurde überrascht. Denn Sozialkompetenz ist im Wesentlichen Kommunikationskompetenz. Und Kommunikation findet heute zunehmend online statt. Das spüren vor allem diejenigen, die sich daran stören und die digitale Kommunikation (so weit wie möglich) verweigern. Sie werden aus bestimmten Kreisen ausgeschlossen. Wer beispielsweise als Einziger in der Clique kein Whatsapp nutzt, findet in der digitalen Gruppe einfach nicht statt – so als existiere er nicht. Trotz oder gerade wegen der Digitalisierung wird die Offline-Kommunikation allerdings nicht unwichtiger, sondern immer bedeutsamer. Online zu kommunizieren ist im Zeitalter der digitalen Revolution zwar zur Pflicht geworden – Pflicht im Sinne von Basis oder Grundlage. Von dieser digitalen Grundlage ausgehend zieht es uns als soziale und multisensorische Wesen dann allerdings immer wieder hin zur Offline-Begegnung, in die reale, mit unseren Sinnen wahrnehmbare Begegnung von Mensch zu Mensch. Während die digitale Kommunikation also die Pflicht darstellt, ist die Offline-Kommunikation die Kür – Kür nicht im Sinne von unwichtiger als Pflicht und auch nicht nur als wähl- und damit auch wieder abwählbares „Add-on“, sondern als das Eigentliche, Kunstvolle und Erhabene. Es ist die Offline-Kommunikation, die uns Menschen von Maschinen unterscheidet. In ihr werden wesentliche Bestandteile der Sozialkompetenz – wie Empathie- und Resonanzfähigkeit – mit allen Sinnen wahrnehmbar.

Insofern steht fest: Sozialkompetenz lässt sich tatsächlich nicht digitalisieren. D.h. allerdings im Umkehrschluss nicht, dass sie für die Online-Kommunikation irrelevant sei. Im Gegenteil: Gerade im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um die Vielzahl an Hasskommentaren im Netz gilt es, die Sozialkompetenz in der Online-Kommunikation einzufordern und zu stärken. Oder anders ausgedrückt: Sozialkompetenz kann und darf nicht ausschließlich in der Offline-Kommunikation eine Rolle spielen. Sie ist – wie bereits erwähnt – im Wesentlichen Kommunikationskompetenz. Und Kommunikation findet heute digital und real statt. Die Zukunft gehört denen, die ihre Kommunikationskompetenz on- und offline unter Beweis stellen. Also Ihnen?

Das obige Bild und weitere Impressionen vom ITkessel.17 finden Sie übrigens auf der Facebook-Seite von Konica Minolta IT Solutions: https://de-de.facebook.com/konicaminoltaitsolutions/
Viel Spaß beim Durchklicken der Bilder.

Bis demnächst!

Ihr Michael Micic

 

Rückblick auf die BDFL-Trainertagung im Februar in Freiburg

Wie bereits vor Kurzem hier im Blog angekündigt, fand am 20. Februar 2017 in Freiburg eine BDFL-Trainertagung zum Thema „Life-Coaching im Leistungsfußball“ statt. Teilgenommen hatten Trainer vom Sportclub Freiburg sowie anderen größeren und kleineren Clubs aus Baden-Württemberg. Co-Referent Ralf Kalinowski (ein erfahrener Fachmann für die Bereiche Sportwissenschaft, Sportpsychologie und Coaching) und ich sprachen in einem Mix aus Vortragsteilen und Workshop-Elementen schwerpunktmäßig über die Selbstachtsamkeit als Burnoutprophylaxe und Schlüsselfaktor für die Trainer-Spieler-Beziehung. Die Hauptaussage lautete dabei: „Wer seine Spieler erreichen und erfolgreich entwickeln möchte, tut gut daran, […] zunächst einmal (möglicherweise ganz neu) sich selbst zu erreichen und seine eigenen Bedürfnisse als Trainer und vor allem als Mensch wahrzunehmen und zu erfüllen.“

Soweit ein kurzer Rückblick und Auszug. Den vollständigen Bericht zur Trainertagung finden Sie im aktuellen BDFL-Journal auf den Seiten 44-45 – oder hier auf meiner Website unter https://michael-micic.com/medien/ als Download.

Apropos Rückblick: Nachdem am 18. April 2017 ein Interview mit mir zum Thema „Life-Coaching im Leistungsfußball“ im kicker-sportmagazin (siehe hier https://michael-micic.com/bilder/2017/04/kicker-sportmagazin-Nr.-32-S.83-85-Interview-mit-Michael-Micic.pdf) erschienen war, erhielt ich viele positiven Rückmeldungen. Vielen Dank dafür und bis demnächst.

Ihr Michael Micic

Bericht und Interview im kicker-sportmagazin vom 18.04.2017 – Warum der Profifußball Experten bei der Persönlichkeitsent­wicklung braucht

In der aktuellen Ausgabe (32) des kicker-sportmagazins vom 18. April 2017 wird auf den Seiten 83-84 darüber berichtet, dass das Thema Life-Coaching im Profifußball noch weitgehend unterbelichtet ist – und das trotz der „Personalanhäufungen der Bundesligaklubs“ sowie zahlreicher privater Verfehlungen von Profispielern. Der Bericht endet mit dem Schlusssatz: „Das Thema Life-Coaching ist aktueller denn je.“ Dem ist nichts hinzuzufügen – außer einem Hinweis auf das darauffolgende Interview auf S. 85 und meine Freude über die vielen positiven Rückmeldungen darauf. Das komplette PDF gibt es unter https://michael-micic.com/medien/ als Download. Schauen Sie mal rein.

Bis demnächst.

Ihr Michael Micic

 

Game over – Wenn private Fehltritte einen Weltmeister zu Fall bringen

Als Profikicker ist man mit 28 Jahren im besten Fußballeralter. In dieser Zeit geht es darum, sich für den möglicherweisen letzten großen langfristigen Vertrag zu empfehlen. Aber genau dann, wenn andere noch einmal in ihrer Karriere durchstarten, heißt es für den Weltmeister Kevin Großkreutz bis auf weiteres: „Game over Profifußball“. Denn der Verein will ihn nicht mehr – und er selbst möchte, wie er sagt, „mit dem Fußball erstmal nix zu tun haben“.

Nach mehreren privaten Verfehlungen in den vergangenen Jahren hat sein letzter Verein, der VfB Stuttgart, die Reißleine gezogen und sich von Großkreutz getrennt – und das nicht etwa wie allgemein im Profigeschäft üblich, in der Transferperiode, sondern jetzt, inmitten des Aufstiegskampfs. Mit sofortiger Wirkung. Gut möglich, dass Großkreutz trotz früherer Skandale in seiner Karriere höchstwahrscheinlich auch dieses Mal „nur“ mit einer saftigen Geldstrafe davongekommen wäre. Ausschlaggebend für die jetzige Vertragsauflösung scheint gewesen zu sein, dass bei seiner privaten Verfehlung vereinsseitig nicht nur er allein beteiligt war, sondern auch einzelne Spieler aus der U17-Jugendmannschaft des VfB. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge waren sie gemeinsam in der Partynacht zuerst in einer Stuttgarter Nobeldisko und später in einem Bordell im Rotlichtviertel der Stadt.

Möglicherweise wäre diese Aktion unter der Woche nicht bekannt und auch anders geahndet geworden, wäre die Gruppe um Großkreutz nicht mit einer anderen Gruppe in eine Auseinandersetzung geraten und er selbst dabei von dieser krankenhausreif geschlagen worden.

Ob die Entscheidung des VfB, Großkreutz‘ Vertrag mit sofortiger Wirkung aufzulösen, angemessen ist, ist von außen nur schwer zu beurteilen – und steht mir auch nicht zu. Außerdem bleibt es fraglich, ob die Auflösung seines Vertrags eine Signalwirkung auf andere Profis haben wird oder sie (nach wie vor) gemäß der Maxime des 11. Gebots leben. Es heißt: „Du sollst Dich nicht erwischen lassen.“

Sicher ist indes, dass die deutschen Profifußballvereine aufgefordert sind, Spieler, aber auch Trainer und Verantwortliche in puncto gelingende Lebensgestaltung künftig stärker zu fördern. Denn wie der Fall Kevin Großkreutz und die vielen Schlagzeilen über private Verfehlungen von Akteuren im Profifußball zeigen, ist die gelingende Lebensgestaltung nicht immer eine Selbstverständlichkeit – und die Folgen des Nicht-Gelingens fatal.

Vielleicht hätte durch Life-Coaching der tiefe Fall des Weltmeisters Kevin Großkreutz verhindert werden können. Aber auch jetzt könnte es ihm helfen, sich wieder neu auf- und auszurichten – unabhängig davon, ob er seine Karriere fortsetzen wird, oder nicht …

 

Bis demnächst.

Ihr Michael Micic