Zehn Jahre nach dem Tod von Robert Enke – was sich seitdem (nicht) verändert hat

Robert Enkes Tod jährt sich zum 10. Mal. Sein Freitod  ein Schock für Deutschland. Was damals kaum einer wusste: Profifußballer Enke litt an Depressionen. 

Es war am Abend des 10. November 2009, als Robert Enke seinem Leben selbst ein Ende setzte. Der damalige Keeper und Kapitän von Hannover 96 sowie Top-Favorit für die Torhüterposition in der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2010 in Südafrika stürzte sich in der Nähe seines Wohnortes vor einen Zug.

 

(Fußball-) Deutschland unter Schock

Enke hinterließ seine Frau Teresa und die acht Monate alte Tochter Leila, die das Paar erst im Mai 2009 adoptiert hatte, nachdem zweieinhalb Jahre zuvor ihre herzkranke Tochter Lara gestorben war. Das wiedergewonnene Glück der jungen Familie Enke – mit einem Schlag ausgelöscht. Ganz (Fußball-)Deutschland war geschockt und trauerte, insbesondere mit Teresa Enke, die innerhalb von drei Jahren Kind und Mann verloren hatte; aber auch mit Robert Enkes Eltern und Geschwistern, seinen Freunden und Mannschafskameraden, mit Hannover 96 und der Nationalmannschaft.

Dass Robert Enke bereits seit Jahren unter Depressionen litt, wusste bis dahin kaum jemand. Denn sowohl nach außen als auch innerhalb seiner Mannschaften wirkte er gefestigt und stabil und auf dem Platz überzeugte er mit Topleistungen. Wie es wirklich um ihn stand, wurde erst am Tag nach seinem Suizid bekannt, als seine Frau Teresa und Enkes Sportpsychiater Valentin Markser auf einer Pressekonferenz von der schweren Krankheit berichteten, die den Ehemann, Vater und Torhüter in den Suizid getrieben hatte.

 

Forderungen nach Veränderungen wurden laut

Ausgelöst durch seinen Suizid und die Statements und Reden von Teresa Enke, Valentin Markser, Oliver Bierhoff, Bischöfin Margot Käßmann, 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke und nicht zuletzt DFB-Präsident Theo Zwanziger entstand im Fußball, aber auch in der Gesellschaft eine Grundsatzdiskussion über Leistungsdruck, Werte und den richtigen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Es wurde eine Enttabuisierung von Depressionen und Aufklärungsarbeit gefordert, ebenso der Einsatz von Sportpsychologen und Sportpsychiatern in Profivereinen und Nachwuchsleistungszentren sowie eine humanere Art der häufig als gnadenlos empfundenen Sportberichterstattung. Forderungen nach einem neuen Sport oder gar einer neuen Gesellschaft wurden ebenfalls laut.

Und auch ich erinnere mich, wie ich als ausgebildeter Sportmanager und angehender Theologe damals bei einer christlichen Sportorganisation saß und gemeinsam mit anderen Christen, die im Profi- und Leistungssport tätig sind, darüber diskutierte, dass sich endlich etwas ändern müsse im Sport und in der Gesellschaft – hin zu einem offeneren Umgang mit Schwächen, Krankheiten und dem Thema Tod.

 

Eine Gegenwartsanalyse: zwischen Stillstand und Aufbruch

Und was hat sich seitdem verändert – zehn Jahre nach dem Suizid von Robert Enke? Die Sportpsychologie hat sich noch weiter professionalisiert und ist mittlerweile zertifizierungsrelevant und fest in den Ausbildungscurricula der Nachwuchsleistungszentren platziert. D.h. sie bildet eine der fünf Schlüsselqualifikationen, die den Nachwuchsspielern vermittelt werden. Im Profibereich ist die Zusammenarbeit mit Sportpsychologen allerdings nach wie vor freiwillig und nicht verpflichtend. Zudem steht in der Sportpsychologie nicht zwangsläufig das seelische Empfinden der Spieler im Vordergrund, sondern vielfach die sportliche Leistungserbringung. So bemängelte Hannovers Kapitän Altin Lala nach dem Suizid Enkes, dass der daraufhin installierte Sportpsychologe „wieder mehr den Spieler als den Menschen gesehen“ habe. Aber freilich gibt es auch eine Vielzahl an Sportpsychologen, die in ihrer Arbeit sowohl den Sportler als auch den Menschen ausgeglichen berücksichtigen, was sie sehr wichtig und wertvoll für Vereine und Verbände macht.

Und wie steht es mit weiteren Entwicklungen? Die vom DFB, der DFL und Hannover 96 im Januar 2010 gegründete Robert-Enke-Stiftung mit ihrer Vorsitzenden Teresa Enke hat mit ihren vielfachen Initiativen und Kooperationen (MentalGestärkt, Referat Sportpsychiatrie/-psychotherapie, Beratungshotline Seelische Gesundheit u.a.) sowie mit der Handlungshilfe „Psychische Gesundheit im wettkampforientierten Leistungssport“ einen herausragenden Beitrag dazu geleistet, dass an Depressionen erkrankten Sportlern, Trainern und Verantwortlichen schnell geholfen werden kann und die Vereine und Verbände, aber auch die Gesellschaft über diese Krankheit, den Umgang damit und die Heilungschancen (die es gibt!) aufgeklärt werden.

 

Die „unheilvolle Allianz“

In den Vereinen und Verbänden selbst fehlt es allerdings nach wie vor an Sportpsychiatern und sportpsychiatrischen Beratern. Die Sportberichterstattung ist nicht gnädiger geworden und Schwächen und psychische Erkrankungen zuzugeben gestaltet sich nach wie vor schwierig. Das gilt im Sport wie in der Gesellschaft. Laut Enkes Psychiater Valentin Markser, einst selbst Profi-Handballtorwart in Gummersbach, gibt es nach wie vor eine „unheilvolle Allianz“ im Sport, die versucht, das Thema „Seelische Erkrankungen“ klein zu halten.

Markser plädiert dafür, Sportler regelmäßig zu untersuchen. Es sei nicht ausreichend, ihnen mentale Techniken für den Wettkampf beizubringen. Vielmehr gehe es darum, sich auch zwischen den Wettkämpfen um ihre seelische Gesundheit und ihre Gesamtpersönlichkeit zu kümmern.

 

Jörg Schmadtke: „Robert hat uns eine Aufgabe gestellt.“

Ähnlich wie Markser formulierte es auch bereits nach Enkes Suizid Hannovers damaliger Sportdirektor Jörg Schmadtke, der mich nach ersten Gesprächen bei Hannover dann im Jahr 2014 bei seiner neuen Tätigkeit beim 1. FC Köln als Life-Coach und Persönlichkeitsentwickler einstellte, bevor ich später meine heutige Tätigkeit in Wirtschaft und Sport aufnahm.

Laut Schmadtke muss der Fußball lernen, dass er es mit jungen Menschen zu tun hat, die vielfach unreif sind, die von der ganzen Situation überfordert sein können und Beratung und Betreuung brauchen, um reif und selbstständig denken und handeln zu können. Wirtschaftlich perfekte Ausstattung und komfortable Trainingsbedingungen seien – so Schmadtke – bei weitem nicht ausreichend. Auch der Einsatz von Sportpsychologen, wie ihn einige Klubs betrieben, gehe nur bedingt in die richtige Richtung. Es reiche nicht, wenn Wissenschaftler die Sportler bis an deren Leistungsgrenzen heranführten.

Bemerkenswert an Schmadtkes Ausführungen, die er mit den Worten „Robert hat uns eine Aufgabe gestellt“ eröffnete, ist, dass sie von der Frage nach dem Umgang mit der für Enkes Suizid verantwortlichen Krankheit Depression und der psychischen Gesunderhaltung im Leistungssport eine grundsätzlichere Frage ableiten: nämlich die Frage nach der individuellen Begleitung und Förderung des Menschen, der hinter jedem Spieler steckt – und damit einhergehend die Frage nach der verantwortungsvollen Heranführung eines jungen Fußballers an ein Leben als Profi.

 

Die Vision einer „heilvollen Allianz“

Was der Fußball braucht, sind ganzheitliche Ansätze und Kooperationen, die neben dem Aspekt der sportlichen Leistungserbringung auch die gelingende Lebensgestaltung und die Persönlichkeitswerdung zum Ziel haben und alle drei genannten Bereiche miteinander in Bezug setzen bzw. in Einklang zu bringen versuchen. Es bleibt zu hoffen, dass ähnlich wie in England, wo Sportseelsorger (sogenannte Club Chaplains) und Sportpsychologen, Mentaltrainer etc. vermehrt zusammenarbeiten, auch hier in Deutschland in einer Art „heilvollen Allianz“ eine engere Zusammenarbeit zwischen all denen stattfindet, deren Aufgabe es ist, verantwortungsvoll zu fördern und zu begleiten – zum Wohle aller und des Sports. Und damit Robert Enkes Tod nicht umsonst war.

 

Ihr Michael Micic

Buchtipp: Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben – von Ronald Reng.

Bericht und Interview im österreichischen Sport Business Magazin zum Thema Life-Coaching im Spitzensport

Nachdem ich vor knapp zwei Jahren bereits zum ersten Mal vom österreichischen Sport Business Magazin kurz interviewt wurde, ist nun in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift vom Oktober dieses Jahres ein ausführlicher Bericht und ein längeres Interview abgedruckt worden. Wer sich einmal kompakt darüber informieren möchte, wie es von der Idee zur Umsetzung des von mir entwickelten Life-Coaching-Ansatzes gekommen ist, kann das hier tun: https://michael-micic.com/bilder/2019/10/10_19_Sport-Business-Magazin-Oktober-2019-Klopp-Cover-und-Interview-Micic.pdf 

Viel Spaß beim Lesen!

Ihr Michael Micic

 

Rote Karte für Rassismus und Antisemitismus!

© AndreyPopov – PantherMedia

 

Immer wieder kommt es im Fußball und in der Gesellschaft zu rassistischen und antisemitischen Beleidigungen und Angriffen. Weder die Vereine und Verbände noch die Politik scheinen bislang eine Lösung für dieses schwerwiegende Problem zu haben. 

Die aufkommenden Rechtspopulisten, der Rassismus gegen Özil, die Entgleisung von Clemens Tönnies, die Vorkommnisse in den italienischen Ligen, der Terroranschlag auf die jüdische Synagoge in Halle, der Beinahe-Abbruch beim Spiel der englischen Nationalmannschaft in Bulgarien – quo vadis, Fußball und Gesellschaft in Deutschland und Europa?

 

Rassismus in Deutschland

Das Problem zeigt sich hierzulande bereits in der Kreisklasse: Insbesondere bei ethnisch homogen anstatt heterogen zusammengesetzten Teams kommt es in Konfliktsituationen immer wieder zu rassistischen und diskriminierenden Äußerungen und Übergriffen. Medial aufgegriffen wurde die Rassismusthematik, nachdem in den 1980er und 1990er Jahren sowie um die Jahrtausendwende damalige Profispieler wie Anthony Baffoe, Gerald Asamoah oder Otto Addo von Neonazis, die die Fanszene unterwanderten, beschimpft und beleidigt worden waren.

Als bei der WM 2006 „die Welt zu Gast bei Freunden“ und Asamoah Teil einer multiethnisch zusammengesetzten deutschen Nationalmannschaft war, spielten Fragen nach Rasse, Herkunft oder Religion in der öffentlichen Wahrnehmung wieder eine untergeordnete Rolle. Vielmehr feierte man Deutschland im In- und Ausland als weltoffenes, tolerantes und demokratisches Land. Den Höhepunkt bildete der WM-Sieg im Jahr 2014 in Brasilien. Spätestens da galten auch die nicht-deutschstämmigen Nationalspieler als Paradebeispiele für eine gelungene Integration in die deutsche Gesellschaft. Dass Spieler wie Mickaël Poté oder Danny da Costa ein bis zwei Jahre zuvor von gegnerischen Fans noch rassistisch beleidigt worden waren, geriet in Vergessenheit. Doch seit dem Beginn der Flüchtlingskrise 2015 und dem Aufkommen des Rechtspopulismus hat sich die Situation wieder verändert.

 

Der italienische Fußball hat ein Problem

Während die Phänomene Rassismus und Antisemitismus in den höchsten deutschen Spielklassen und auch in den meisten anderen europäischen Topligen allerdings eher punktuell vorzufinden sind, zeichnet sich im italienischen Fußball – quer durch die Ligen – seit Jahren ein eher konstant negatives Bild ab. Obwohl bereits insbesondere Fangruppen von Lazio Rom durch antisemitische Äußerungen und Übergriffe auffällig geworden sind und Anhänger verschiedener Clubs gegnerische Spieler einzig aufgrund ihrer schwarzen Hautfarbe immer wieder mit Bananen beworfen oder mit Affenlauten verhöhnt haben, passierte bislang gefühlt – nichts.

Zwar wurden die Vereine wegen der Entgleisungen ihrer „Fans“ vielfach mit Geldbußen belegt; die Täter kamen allerdings zu häufig ungeschoren oder mit nur geringen Strafen davon und konnten so ihr widerliches Verhalten meist ungehindert fortsetzen. Unter den Opfern der rassistischen Beleidigungen und Angriffe finden sich viele bekannte in- und ausländische Spieler. Kevin-Prince Boateng und Kevin Constant zählten bereits ebenso dazu wie Sulley Muntari und Mario Balotelli – oder zuletzt Romelu Lukaku und Juan Jesus.

Erschreckend an den Vorfällen, die freilich nicht nur im fußballerischen, sondern auch im gesamtgesellschaftlichen italienischen Kontext mit der schwierigen Flüchtlingsthematik und einer rechtsgerichteten Regierung gesehen werden müssen, ist, dass sie nicht nur von Fans, sondern auch von Funktionären, Trainern und Journalisten, also von Fußballverantwortlichen und Meinungsmachern, begangen wurden und werden.

Ein aktuelles Beispiel ist das des TV-Experten Luciano Passirani. Er sagte erst vor ein paar Wochen in einem Kommentar, Romelu Lukaku sei nur zu stoppen, wenn man ihm eine Banane gäbe. Daraufhin wurde der 80-Jährige Passirani vom TV-Sender entlassen. Diese Konsequenz und auch das lebenslange Stadionverbot gegen einen Fan von AS Rom, der jüngst den Spieler Juan Jesus bei Instagram rassistisch beleidigt hatte, kommen nach den vielen Vorfällen in den vergangenen Jahren reichlich spät. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese neue Zero-Tolerance-Strategie nicht nur gegenüber Einzelpersonen, sondern auch gegenüber Gruppen durchziehen und ihre Wirkung im italienischen Fußball erzielen wird.

 

Die Dinge beim Namen nennen – und handeln!

Und in Deutschland und in anderen Ländern? Wie soll da mit Rassismus und Antisemitismus umgegangen werden?

Zunächst geht es aus meiner Sicht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass jeder Mensch nicht nur für sein Handeln, sondern auch für sein Denken und Reden Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen abschätzen muss. Denn – um es mit den Worten von Michel Friedman zu sagen – :

 

„Wir, die wir in Europa leben, haben in Jahrhunderten gelernt, dass die Gewalt nicht damit beginnt, dass man eine Gruppe bereits umbringt, sondern dass die geistige Brandstiftung – das Wort – so viel Kraft ausübt bei denen, die Vorurteile haben, dass sie glauben, dass sie legitimiert seien, aus der geistigen Brandstiftung eine echte umzusetzen.“

Michel Friedman

 

Weder der Fußball noch irgendein anderer Ort in der Gesellschaft ist ein rechtsfreier Raum und das universelle Grundrecht auf Würde bleibt unantastbar. Punkt. Deshalb ist es auch schwer nachzuvollziehen, dass sich – bei aller berechtigter Kritik gegen das gemeinsame Foto mit Erdogan – nach Özils Rücktritt und dem darauffolgenden Shitstorm weder seine ehemaligen Kollegen aus der deutschen Nationalmannschaft noch der DFB klar gegen Rassismus positioniert und Özil geschützt haben.

Befremdlich oder zumindest fraglich ist auch, warum der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau dafür plädierte, die rassistischen Äußerungen gegen Gündogan und Sané als Einzelfall abzutun und sie nicht größer zu machen, als sie seien – und wie die DFB-Ethikkommission im Fall Tönnies zu der Entscheidung kam, seine Äußerung sei zwar rassistisch gewesen, eine Anklage aber nicht zu empfehlen (woraufhin der SPIEGEL dem DFB Versagen vorwarf). Ebenso wenig nachvollziehbar ist – um abschließend noch ein Beispiel aus Italien zu nennen – die Erklärung der Curva Nord, in der die Inter-Ultras Romelu Lukaku erklären, dass es in Italien normal sei, gegnerische Spieler mit allen möglichen Mitteln durcheinanderzubringen, zur Not auch mit Affenlauten – dass dies aber kein Rassismus sei. Aha!

Wenn aber die Dinge nicht beim Namen genannt werden und man sich nicht betroffen fühlen muss, weil man zumindest nicht von den eigenen Fans beleidigt wird oder ein weißer Spieler ist und damit zur Mehrheitsgesellschaft zählt, ist dann alles in Ordnung? Keineswegs! Noch einmal Friedman (Zitat aus seinem Vortrag, der hier auf YouTube angeschaut werden kann): „Wenn es heißen würde, DIE Muslime, werde ich Muslim. Wenn es heißen würde, DIE Glatzköpfe mit Brille, werde ich Glatzkopf mit Brille. […] Wer von ,DENEN‘ spricht, begeht Rassismus. Und Rassismus ist menschenverachtend. Unter welchen Deckmäntelchen auch immer bleibt Rassismus Rassismus“ – und Antisemitismus Antisemitismus. Deshalb gilt es, nicht wegzuschauen, sondern sich mit denen zu solidarisieren, die diskriminiert werden – auch wenn man selbst nicht zur ausgegrenzten Gruppe zählt. Und es gilt außerdem, den eigenen Gedanken, Worten und Taten gegenüber achtsamer zu sein bzw. zu werden – denn sie können großen Schaden anrichten.

Helfen kann uns dabei die wiederkehrende Erinnerung an die folgende Weisheit aus dem jüdischen Talmud:

 

  • Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
  • Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
  • Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
  • Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
  • Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

 

Üben wir uns in dieser Achtsamkeit – im Fußball und in der Gesellschaft!

 

Ihr Michael Micic

Zum Reinhören: Den ganzen Vortrag von Michel Friedman im Theaterprozess gegen die Schweizer Wochenzeitung Weltwoche zum Thema Meinungsfreiheit, geistige Brandstiftung und Rassismus finden Sie hier im Video: https://www.youtube.com/watch?v=TP692DcfKFg

 

Teil 2: Diversity in Unity – Von der Vielfalt im Individuum

In meinem letzten Blogeintrag ging es um die Vielfalt in Teams. Heute beschäftige ich mich mit einer anderen Art der „Diversity in Unity“ – der Vielfalt im Individuum. Aufgrund der unterschiedlichen Variationen und Kombinationen der Gene ist jeder Mensch ein Unikat. Selbst bei eineiigen Zwillingen sind die Fingerabdrücke nicht identisch. Zur biologischen und genetischen Einzigartigkeit des Menschen gesellt sich aber auch die Pluralität seines Innenlebens, die der Psychologe Friedemann Schulz von Thun in seinem Persönlichkeitsmodell als „Das Innere Team“ definiert hat. Mitglieder des „Inneren Teams“ können dabei entweder miteinander harmonieren oder sich eher distanziert gegenüberstehen. Da sagt beispielsweise der innere Antreiber in einem: „Komm‘, das packst Du jetzt an!“, während der Vorsichtige oder der Bequeme in einem erst noch einmal Pro und Contra, Aufwand und Ertrag gegeneinander abwägen. Modelle wie das des „Inneren Teams“ oder die von Richard David Precht in seinem gleichnamigen Bestsellerwerk gestellte Frage „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ lassen erahnen, wie vielfältig und komplex der Mensch als Gattung und als Individuum ist.

 

Vielfalt? Ja. Aber bitte nicht im Lebenslauf.

Und dennoch wird gerade Letztgenanntes, diese bunte Vielfalt im Individuum, diese „Diversity in Unity“, in Subsystemen wie Wirtschaft und Sport zu wenig gefordert und gefördert – zumindest im Hinblick auf berufliche Diversitätsperspektiven. Gut, in den Nachwuchsleistungszentren der Vereine oder in Firmen und Konzernen besteht eine duale Ausbildungspflicht bzw. ein entsprechendes Angebot. „Schornsteinkarrieren“ innerhalb desselben Fachbereichs oder derselben Branche stellen jedoch gegenüber „Zick-Zack-Karrieren“ immer noch die Regel dar und Bewerberinnen und Bewerber mit entsprechendem Lebenslauf werden von Recruitern und erst recht von KI-gestützten Programmen bereits im Auswahlprozess bevorzugt. Ein begründeter Branchenwechsel wird toleriert, verschiedene Ausbildungen, die nicht direkt miteinander im Zusammenhang stehen, aber eher als Unschlüssigkeit denn als Perspektiven- und Horizonterweiterung bewertet – getreu dem Motto: Vielfalt? Ja. Aber bitte nicht im Lebenslauf. Doch wie sollen Führungskräfte in Unternehmen oder Trainerinnen und Trainer in Sportvereinen die Potenziale von Diversity entwickeln können, wenn sie selbst nur einschlägige, aber keine unterschiedlichen Erfahrungen gemacht haben?

 

Meine eigenen Diversitätserfahrungen

Deshalb plädiert Christoph Magnussen nach der Erfahrung aus über 100 Folgen seines Podcasts „On the Way to New Work“ dafür, sich auszuprobieren, um sich so in den eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln und Grenzen erweitern zu können. Ausprobiert habe ich mich in meinem bisherigen Arbeitsleben auch – meistens freiwillig, manchmal aber auch nicht. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung gemacht, Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Sportmanagement studiert, danach Theologie und eine Coachingausbildung absolviert. Ich war als Bewerbungstrainer für Langzeitarbeitslose, Schwerbehinderte und schwer vermittelbare Jugendliche tätig, arbeitete ehrenamtlich als Deutschlehrer für Flüchtlinge und nebenberuflich als Jugendpastor und in einer Metallwerkstatt, wobei mir Letztgenanntes eher schlecht als recht gelang. Den Blaumann tauschte ich für einen Job im Marketing und später für eine Tätigkeit als Life-Coach in einem Profifußballverein und als Personalentwickler sowie Führungskräfte-Coach in der Automobilindustrie. Hinzu kommen Erfahrungen aus 15 Jahren Ehe mit meiner Frau Hannah und der Erziehung unserer vier gemeinsamen Kinder. Einen Nachteil kann ich gerade aufgrund meiner eigenen Erfahrungen bei „unorthodoxen“ Lebensläufen nicht erkennen, solange die in den jeweiligen Bereichen gewonnenen Erkenntnisse nicht für sich alleine stehen bleiben, sondern in einen breiten Erfahrungs- und Verstehenshorizont einfließen, der geprägt ist durch die Fähigkeit, interdisziplinär denken, Mehrfachperspektiven einnehmen und Symbiosen (auch des scheinbar Unvereinbaren) herstellen zu können.

 

Individuelles Dasein zwischen Vertrautem und Fremdem

Ich bin davon überzeugt, dass die Förderung der eigenen Vielfalt zumindest hilfreich, wenn nicht sogar Voraussetzung dafür ist, Diversity auch bei anderen Menschen und in Teams zu fördern. Und dabei geht es nicht zwangsläufig oder nicht nur um die eigene Vielfalt an beruflichen Erfahrungen, sondern allgemein – um es mit den Worten des Psychotherapeuten und Coachs Christoph Schmidt-Lellek zu sagen – darum, „sein Leben verantwortlich zu gestalten, das heißt, in seinen Funktionen und Rollen sein individuelles Dasein zu verwirklichen, und zwar in den vielfältigen näheren und ferneren Bezügen, auf die es zu ,antworten‘ gilt (,Verantwortung‘). […] Identitätsarbeit, Persönlichkeits- und Karriereentwicklung“ – so Schmidt-Lellek weiter – „verlangen eine möglichst angstfreie Auseinandersetzung mit Fremdheit, und dies ist in erster Linie eine Frage der Bewusstseinsentwicklung und von ,Bildung‘“ im Sinne Humboldts als „,Beziehung auf das Allgemeine und Abstand vom Vertrauten‘“. Denn als Menschen seien wir „zeitlebens angewiesen auf die Auseinandersetzung mit Fremdem, Unbekanntem, Neuem, um psychisch nicht zu erstarren, unsere Lebendigkeit nicht zu verlieren und dabei uns nicht selbst in der Vertrautheit unserer selbst zu verraten“. Je diverser die eigenen Erfahrungen sind, das Vertraute zugunsten der Neugier und der Bildung verlassen wird, desto mehr wird man gezwungen, sich mit seiner Weltwahrnehmung auseinanderzusetzen. Ein guter Coach, eine gute Führungskraft, ein guter Trainer oder eine gute Trainerin wird, wie der Ethikprofessor Guido Palazzo es formuliert, nur dort der eigenen Rolle gerecht, wo er bzw. sie die Selbstverpflichtung eingeht, „zunächst einmal die Filter der eigenen Weltwahrnehmung kritisch zu prüfen – und gegebenenfalls müssen die Filter auch nachjustiert werden“. „Diversity in Unity“ bedeutet somit, immer wieder neu andere Bereiche, Menschen, Kulturen, Denk- und Handlungsweisen kennenzulernen, sie mit der bisherigen Weltwahrnehmung in Beziehung zu setzen und dann ggf. die bisherige Weltwahrnehmung zu ändern. Ein solcher Prozess ist niemals abgeschlossen und ziemlich anstrengend – aber er lohnt sich, denn er bringt uns und Andere weiter und verändert unser Miteinander. Make it happen! Jeder für sich. Und alle gemeinsam. Für eine (bessere) „Diversity in Unity“ – in der Wirtschaft, im Sport und in der gesamten Gesellschaft.

 

Bis demnächst!

Ihr Michael Micic

Teil 1: Diversity in Unity – Von der Vielfalt in Teams

Trotz der im WM-Jahr 2006 gestarteten Initiative „Charta der Vielfalt“, die für ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld steht und der sich inzwischen über 3.000 Unternehmen, Einrichtungen, Behörden und auch Verbände wie z.B. der DFB angeschlossen haben, ist von Diversity vielerorts erst wenig zu sehen. Zwar werden sowohl in der Wirtschaft als auch vor allem im Sport für die Außendarstellung bunte Fahnen geschwenkt und Vielfalt suggeriert, intern zeigt jedoch in der Regel kaum jemand Flagge. Ernüchternd heißt es dazu im Themen-Portal XING Spielraum, dass hierzulande Diversity wenig gelebt werde und eher mit „eine[r] Vielfalt an Problemen“ einhergehe.

Am 28. Mai dieses Jahres fand der inzwischen siebente „German Diversity Day“ unter reger Beteiligung vieler deutscher Großkonzerne statt, die darüber hinaus auch zahlreiche Programme zur Stärkung von Vielfalt erarbeitet und umgesetzt haben – so wie etwa der Porsche-Konzern, der die Anzahl seiner weiblichen Führungskräfte mit Hilfe des „Projekts Chancengleichheit“ binnen vier Jahren verdoppeln konnte. Fakt ist allerdings (wie der SPIEGEL im April dieses Jahres berichtete) auch, dass weiterhin 105 von 160 deutschen Börsenunternehmen keine einzige Frau im Vorstand vertreten haben. Diversity scheint demnach auch im Jahr 2019 noch nicht überall alle Hierarchieebenen erreicht zu haben. Dieser Umstand wäre laut Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der (sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft einsetzenden) AllBright-Stiftung, „in Schweden, in den USA, in Großbritannien […] undenkbar. Rein männliche Führungsteams sind dort gesellschaftlich einfach nicht mehr akzeptiert.“

Und wie sieht es im deutschen Fußball aus? Bibiana Steinhaus ist die erste Frau, die als Schiedsrichterin Spiele im Männerbereich auf höchster Ebene leitet. In den Clubs und Verbänden sind die Entscheidungsträger jedoch in der Regel nach wie vor männlich. Dennoch steht der Fußball und der Sport allgemein, wenn man neben dem Geschlecht auch andere Diversitätskriterien wie z.B. ethnische und soziale Herkunft, Weltanschauung etc. betrachtet, wie kaum ein anderes Subsystem für Vielfalt und Chancengleichheit – was sich wie etwa bei den Werbevideos zur WM 2006 in Deutschland auch glaubhaft nach außen darstellen lässt.

Ist damit im Land des (nun ja, inzwischen Ex-) Weltmeisters also doch „alles gut“ in Sachen Diversity? Keineswegs. Denn die Vielfalt sozialer Gruppen allein reicht nicht aus. Sie muss auf einer gemeinsamen (Werte-)Basis stehen, ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln, damit eine Einheit, ein Team entstehen und zusammenwachsen kann – eine Art „Diversity in Unity“. Der „Fall Özil“ und sein dreiteiliges Rücktrittsstatement nach den rassistischen Anfeindungen aufgrund der „Erdogan-Affäre“ im vergangenen Jahr haben gezeigt, wie fragil die Verbindung von Diversity und Belonging insbesondere in Krisenzeiten ist – wobei sich Özil freilich die Frage gefallen lassen muss, zu welcher Wertebasis er sich bekennt und inwieweit diese beim gemeinsamen Posieren mit Erdogan zum Ausdruck gekommen ist.

Missverstanden wird der oben genannte Gedanke einer „Diversity in Unity“ dann, wenn sie mit Standardisierung gleichgesetzt wird. „Diversity in Unity“ ist das Gegenteil von Standardisierung! Eine gemeinsame Wertebasis zu haben und sich einem Team, einem Verein, einem Unternehmen oder einer Nation zugehörig zu fühlen, bedeutet keine Gleichmacherei und Aufgabe von Individualität. Doch genau das ist es, was im Sport wie in der Wirtschaft noch zu häufig geschieht. Die Teams dürfen nach außen gerne bunt erscheinen, aber ein wirkliches Anders-als-Andere-Sein ist dem Individuum selten gestattet. Denn Anderssein stört und gefährdet scheinbar die Ordnung und damit die sportlichen bzw. ökonomischen Ziele. Dabei ist es genau dieses Stören und Hinterfragen des Status Quos, das bei divers zusammengesetzten Teams normalerweise quasi automatisch geschehen und — solange es konstruktiv ist – gefördert werden müsste. Auch und gerade in Zeiten des Erfolgs – und nicht, wie im deutschen Fußball, erst nach dem peinlichen Vorrunden-Aus bei der WM 2018. Seitdem mehren sich Stimmen wie die von Mehmet Scholl und Matthias Sammer oder auch DFB-intern von Meikel Schönweitz, dass die Individualität innerhalb eines Teams wieder stärker gefördert werden müsse. Ähnlich sieht es Patrick Cowden in Bezug auf die Wirtschaft. Laut Cowden sollte beim Bemühen der Unternehmen (und das gilt gleichsam für Vereine und Verbände im Sport), mehr Diversität in die Teams zu bringen, „nicht die Vielfalt sozialer Gruppen im Vordergrund stehen, sondern die ,Einzigartigkeit‘, das heißt die Vielzahl echter Persönlichkeiten in einer ansonsten durch und durch genormten Unternehmenswelt“. Die Förderung von Einzigartigkeit im Rahmen einer gemeinsamen und dadurch möglicherweise immer wieder zu verteidigenden oder im Diskurs neu zu definierenden Wertebasis – das meine ich mit „Diversity in Unity“. Klingt anstrengend, ich weiß – birgt aber auch enorme Potenziale für die Persönlichkeitsentwicklung. Denn wenn ich meine Meinung frei und offen sagen darf, fühle ich mich sicher, zugehörig und kann vertrauen. Und wenn ich mich sicher fühle, werde ich kreativ. Wenn meine Ideen und Gedanken auch noch Anklang finden und umgesetzt werden, erlebe ich Selbstwirksamkeit. Das Erleben von Selbstwirksamkeit macht mich selbstbewusst, fördert eine „Hands-On-Mentalität“, die mir hilft, neue Herausforderungen und Aufgaben verantwortungsbewusst und mit Zuversicht anzupacken und zu bewältigen.

Soweit meine Gedanken zur Vielfalt in Teams. In meinem nächsten Blogeintrag widme ich mich der Frage, wie ich die Vielfalt in mir selbst fördern und damit zu einer weiteren Art der „Diversity in Unity“ gelangen kann.

Bis demnächst!
Ihr Michael Micic

New Work – New Sport?!

Im heutigen Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung befinden sich hochentwickelte Länder wie Deutschland laut der Internetforscherin Jeannette Hofmann derzeit „inmitten eines Strukturwandels, an dessen Ende die Wissensgesellschaft das Industriezeitalter abgelöst haben wird, so wie jenes einst die Agrargesellschaft verdrängte“. Und das bedeutet nach Hofmann konkret, dass „die Zeit der rauchenden Schlote, der Massenproduktion und monotonen Arbeit“ vorbei ist und die Zukunft „der Wissensverarbeitung, den intelligenten und sauberen Jobs“ gehört. Aufgrund dieses umfassenden Wandels und Transformationsprozesses fordert die auf den austro-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurückgehende New-Work-Bewegung, sich von den auf „Command & Control“ ausgerichteten alten Arbeitsweisen des Industriezeitalters zu befreien und stattdessen neue Werte wie insbesondere Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft zu ermöglichen. New Work soll – wie es die „digital pioneers“ beschreiben – „neue Wege von Freiräumen für Kreativität und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bieten, um so etwas wirklich Wesentliches und Wichtiges zum Arbeitsmarkt und den Arbeitsstrukturen beizutragen“. Auf den Punkt gebracht geht es darum, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht länger vorzuschreiben, was sie zu tun haben, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, die Sinnhaftigkeit ihres Tuns und Handelns zu hinterfragen und zu der Arbeit zu gelangen, die sie – wie Bergmann es formuliert – „wirklich, wirklich wollen“.

Soweit zur New Work-Bewegung in der Arbeitswelt. Doch was hat das Ganze mit dem Spitzensport zu tun? Nun, Trainerinnen und Trainer, Sportlerinnen und Sportler sind ebenfalls Teil einer sich gerade formierenden Wissensgesellschaft. D.h. auch sie bekommen den gegenwärtigen Struktur- und Wertewandel hautnah mit und werden sich zukünftig mit der Frage auseinandersetzen müssen, inwieweit ihre Denk- und Arbeitsweise noch zeitgemäß ist. Gerade vor dem Hintergrund der speziell im Profi- und Nachwuchsfußball laut gewordenen Forderung nach mehr Individualität und Kreativität gilt es zu klären, ob dieses Ziel in einer alten, hierarchiegeprägten „Command & Control“-Struktur überhaupt möglich ist. Oder anders ausgedrückt bzw. gefragt: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Individualität und Kreativität entstehen kann? Braucht es dazu ggf. einen Paradigmenwechsel in der Arbeitsweise im Spitzensport, einen „New Sport“ als Pendant zur „New Work“ – und wie könnte ein New Sport-Konzept aussehen?

Das sind große Fragen, die nicht leicht zu lösen sind, meines Erachtens jedoch dringend angegangen werden müssen, da sich die emanzipatorische Haltung hinter dem New-Work-Konzept nicht auf die Arbeitswelt beschränkt, sondern eine neue „Art of Living“ darstellt, die das Potenzial hat, sämtliche Bereiche und gesellschaftliche Subsysteme – also auch den Sport – zu durchdringen. Aus meiner Sicht sind in erster Linie die Funktionärinnen und Funktionäre in den Vereinen und Verbänden gefragt – ebenso die Trainerinnen und Trainer. Sie haben die Aufgabe, Sportlerinnen und Sportlern die Erfahrung eines „New Sport“ zu ermöglichen, in dem sie sich persönlich und sportlich besser entfalten können – mit mehr Gestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeiten als bisher, verbunden mit einer echten Chance, auch konstruktiv-kritisches Feedback geben zu können, ohne Gefahr zu laufen, deshalb sanktioniert zu werden. Und das können Trainerinnen und Trainer am besten und wohl nur dann erreichen, wenn sie eine neue Arbeitsweise erlernen, die weniger hierarchiegeprägt, sondern vielmehr begleitend, wertschätzend und fördernd ist – und außerdem (endlich!) darüber nachdenken, wie sie, speziell in den Top-Ligen, eine Life-Balance herstellen können, in der auch die Familie und das private Umfeld die Zeit und den Raum erhalten, den sowohl sie als auch die Trainerinnen und Trainer brauchen.

Gerade im Profifußball-Bereich scheinen mir die letztgenannten Punkte bislang weitestgehend unberücksichtigt geblieben zu sein. Deshalb habe ich dieses Thema in meiner Kolumne für das BDFL-Journal (Bund Deutscher Fußball-Lehrer) aufgegriffen, dessen nächste Ausgabe Mitte April erscheinen wird.

Ich freue mich auf die Rückmeldungen und Kommentare.

Bis demnächst
Michael Micic

Life-Coaching meets Club Chaplaincy @ London 2018

Nachdem ich bereits im Jahr 2010 in den Nordwesten Englands gereist war, um u.a. bei Manchester United, Manchester City und dem FC Liverpool zu hospitieren (siehe Hospitationsbericht: https://michael-micic.com/referenzen-von-michael-micic/#england), und im Jahr 2014 an der Chaplaincy Conference in Northampton (siehe Konferenzbericht: https://michael-micic.com/referenzen-von-michael-micic/#england) teilgenommen hatte, war es nun vier Jahre später im November 2018 an der Zeit, einigen englischen Kollegen mal wieder „face to face“ zu begegnen und nicht nur per Videoanruf oder Textnachricht mit ihnen zu kommunizieren.

Dieses Mal ging die mehrtägige Reise nach London, wo ich mich zunächst mit einem deutschen Sportfunktionär treffen und später mit einigen Kollegen von Club Chaplaincy UK in den Räumlichkeiten des Traditionsclubs Charlton Athletic über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Entwicklungen und Herausforderungen der Betreuungsformate Club Chaplaincy und Life-Coaching austauschen konnte. Mit dabei waren Matt Baker (Chaplaincy Pastoral Support Director in English Football sowie Club Chaplain Charlton), Gareth Morgan (Club Chaplain Charlton Academy), Buddy Owen (Tranmere Rovers, aus Zeitgründen nicht im gemeinsamen Video/Bild-Selfie dabei) sowie der ehemalige Profi des FC Portsmouth, Linvoy Primus.

 

Einen Tag später besuchte ich ein Heimspiel des Charlton Athletic FC, das im Rahmen des Remembrance Day stattfand, der zur Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkrieges gefeiert wird. Entsprechend hielt Club Chaplain Matt Baker eine Gedenkrede (https://www.cafc.co.uk/news/view/5bdb286496052/for-club-and-country-charlton-plant-trees-in-memory-of-fallen-heroes). Aber nicht nur an diesem besonderen Tag, auch unabhängig davon zeigt sich im und um das Stadion, wie stark die Erinnerungskultur in England gelebt wird.

So befindet sich vor dem Stadion, direkt vor dem Eingang zur Geschäftsstelle, eine Statue der Charlton-Torwartlegende Sam Bartram (http://www.offbeat.group.shef.ac.uk/statues/STUK_Bartram_Sam.htm). Unmittelbar daneben können sich Vereinsinterne sowie -angehörige und Fans auf den „Memorial Plaques“ verewigen. Im „Memorial Garden“ haben Hinterbliebene die Möglichkeit, die Asche ihrer toten Angehörigen dort zu verstreuen. Ein weiteres Stück „Erinnerungskultur“ ist ein einzelner Sitz in der Gegengerade, der ursprünglich eine rote Farbe hatte und dann im Jahr 2017 zur Erinnerung an Keith Palmer weiß gefärbt wurde, nachdem der Club erfahren hatte, dass der Polizist, der von einem Attentäter vor dem House of Parlament niedergestochen worden war, eine Dauerkarte für Charlton Athletic besessen und bei den Heimspielen stets dort auf diesem Platz gesessen hatte (https://metro.co.uk/2017/04/04/charlton-athletic-honour-london-terror-attack-hero-pc-keith-palmer-after-tragic-death-6554092/).

 

Neben der Erinnerungskultur werden im Club auch Rituale gepflegt. So lädt Chaplain Matt Baker die Spieler vor jedem Spiel zum sogenannten Pre-Match-Prayer ein, was auch dieses Mal wieder von einigen Profis besucht wurde. In einem dafür umfunktionierten Prayer Room im Spielertunnel dabei sein zu dürfen, war für mich ein besonderes Highlight – ebenso wie die kurze Begegnung mit dem deutschen Profi Patrick Bauer, der über seine Stationen beim VfB Stuttgart und in Portugal inzwischen seit 2015 bei Charlton spielt. Ursprünglich stammt Bauer aus Backnang bei Stuttgart. Ein Schwabe also. Mo hörd’s.

Schwäbisch war auch nach meiner Ankunft am nächsten Tag in Stuttgart wieder vermehrt zu hören. Da wusste ich, dass ich zu Hause bin. Mal sehen, ob es wieder vier Jahre dauern wird, bis ich erneut nach England reise. Schön war es bisher jedenfalls jedes Mal.

Bis demnächst

Ihr Michael Micic

Selbstachtsamkeits-Seminar@Marketing Club Region Stuttgart-Heilbronn

Wie können sich Führungskräfte aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich (besser) in Selbstachtsamkeit üben und gibt es dazu Anwendungsbeispiele und -hilfen aus dem Bereich des Spitzensports? Um diese und weitere Fragestellungen ging es bei meinem Seminar mit dem Titel „Durch Selbstachtsamkeit in Führung gehen“, das am 13. Oktober vom Marketing Club der Region Stuttgart-Heilbronn in der Kochfabrik in Cannstatt veranstaltet wurde.

Durch das tolle Wetter, das ansprechende Ambiente und den bewusst kleingehaltenen Teilnehmendenkreis entstand von Anfang an eine angenehme und erwartungsfrohe Atmosphäre. Und nachdem gleich in der Einführung die mitgebrachten Erwartungen, Befürchtungen und Überzeugungen besprochen werden konnten, war die Offenheit für das Seminar spürbar noch größer.

Im ersten Teil widmeten wir uns dann zunächst einer Achtsamkeitsübung, die ich normalerweise mit Trainern und Spielern als Vorbereitung auf ein Training oder Spiel mache. Sie dient dazu, sich bewusst von der zurückliegenden Situation oder Begegnung zu lösen und sich auf das Gegenwärtige und Zukünftige zu fokussieren – ideal auch als Reflexionspause für stressgeplagte Führungskräfte, die ständig von einem zum nächsten Termin springen und immer wieder neu präsent und aufnahmefähig sein müssen. Im weiteren Verlauf betrachteten wir einen von Zukunftsforscher Matthias Horx verfassten Artikel zum „Megatrend Achtsamkeit“ und schauten uns Zahlen und Prognosen zur Gesundheitslage in Deutschland an, um dann im Anschluss auf die Lebensumstände der Gegenwart und die außer Atem geratenen Akteure der Hochleistungssysteme Sport und Wirtschaft zu blicken.

 

Nach dieser ersten Betrachtung ging es im zweiten Teil des Seminars mit Hilfe einer Outdoor-Kontemplationsübung im wahrsten Sinne des Wortes darum „rauszukommen“ und in Kontakt mit sich selbst zu treten. Wie schwierig und doch gleichzeitig wichtig und wohltuend das bewusste Wahrnehmen mit allen Sinnen ist, wurde nach der Rückkehr in die Kochfabrik beim Austausch mit den Teilnehmenden deutlich.

 

Im dritten Teil, der gespickt war mit verschiedenen Statements aus dem Buch „Spielunterbrechung“ von Oliver Bierhoff, standen in verschiedenen Reflexions-, Einordnungs- und Gruppenübungen aus dem Sinn- und Life-Coaching die Themen „Dimensionen der Lebensbalance“ und „balance@work“ im Mittelpunkt.

 

Nach dieser langen Phase ging es dann im vierten Teil des Seminars unter der Kapitelüberschrift „Achtsamkeit und Führung“ darum, von der Selbstachtsamkeit zur Achtsamkeit gegenüber den Mitarbeitenden zu gelangen. Im Mittelpunkt der Betrachtung stand die Frage: „Wie erreiche ich als Führungskraft die Herzen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?“ Um sich im Loben und Motivieren zu üben, führten wir eine sogenannte „Lobkreis“-Übung durch – für die Teilnehmenden und mich als Referenten der wohl berührendste Teil des Seminars.

 

Nach einem kurzen Fazit und Ausblick – und vor einer längeren Feedbackrunde – beendete ich das Seminar mit zwei Zitaten. Das erste lautet in Anlehnung an den bereits verstorbenen französischen Regisseur Jacques Tati: „Geh’ im (Arbeits-) Leben auf, nicht unter – und verhilf auch anderen dazu.” Das zweite Zitat stammt von Steven Gerrard, einer Legende des FC Liverpool, der nach einem Gespräch mit Reds-Trainer Jürgen Klopp in einem Zeitungsinterview sagte: „Klopp made me feel a foot taller.“

Haben auch Sie als Trainer oder Führungskraft schon einmal ein ähnliches Kompliment erhalten? Oder sehnen Sie sich danach, so gesehen zu werden? Schreiben Sie mir. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören und mich mit Ihnen auszutauschen!

Ihr Michael Micic

Das fehlende Puzzlestück in der Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern

Kennen Sie noch die Sängerin Robyn und ihren 90er-Jahre-Ohrwurm „You’ve got that somethin’ – übersetzt: Du hast etwas Besonderes, das gewisse Etwas?” Unter diesem Motto stand mein Mix aus Keynote und Workshop am Eröffnungstag des 3. International Instructors Course „Sport for Development“, der vom 01.-11. September in Kamen-Kaiserau stattfand und vom DFB sowie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) veranstaltet wurde.

 

 

Kursleiter waren Sascha Bauer (rechts im Bild), Auslandsexperte des DFB, und Dr. Ben Weinberg (links im Bild), externer Berater für die Abteilung für Wirtschaft und Soziales der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – und außerdem Lehrkraft am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Teilgenommen hatten 30 Trainerinnen und Trainer, die aus 17 Ländern und vier Kontinenten in Deutschland zusammengekommen waren, um sich sowohl sportpädagogisch als auch bzgl. neuer Trainingsmethoden weiterzubilden und Erfahrungen auszutauschen.

Besucht wurden sie während der Kurstage u.a. von Gerald Asamoah. Der langjährige Schalker Stürmer und ehemalige deutsche Nationalspieler, der die „Sport für Entwicklung“-Maßnahmen von BMZ und DFB als Botschafter unterstützt und ghanaische Wurzeln hat, zeigte sich in dem auf der Website des DFB veröffentlichten Bericht beeindruckt davon, „was die Trainerinnen und Trainer in ihren Heimatländern alles mit Hilfe des Sports bewegen und wie sie den Ansatz ‚Sport für Entwicklung‘ einsetzen – obwohl die Bedingungen oft schwierig sind” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).  Bei diesem Ansatz – so stellt es der Bericht auf der DFB-Website klar – „geht es nicht um Leistungssport, sondern darum, welchen Beitrag Fußball zur Entwicklung, Bildung, Gesundheit und sozialen Förderung von Kindern und Jugendlichen in Entwicklungs- und Schwellenländern leisten kann” (https://www.dfb.de/news/detail/asamoah-besucht-internationalen-trainerkurs-im-sportcentrum-kaiserau-192193/).

Doch warum ist das so – oder anders gefragt: Haben „Sport for Development” und andere persönlichkeitsfördernde Betreuungs- und Förderformate nicht auch eine Relevanz und Potenzial für den Profi- und Leistungsfußball in Deutschland? Mit dieser zentralen Frage habe ich mich in der Vorbereitung auf meine Keynote und den anschließenden Workshop auseinandergesetzt. Und ich bin zu der Antwort gekommen, dass die Relevanz und das Potenzial sowohl für die Bundesligavereine und deren Nachwuchsleistungszentren als auch für die Nationalmannschaften sehr hoch sind. Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences”, die im vergangenen Jahr von der GIZ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln als Leitlinien für „Lead Instructors, Instructors, Coaches and Children/Youth” im Amateur- und Entwicklungsbereich erarbeitet worden sind – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League (https://sportschaplaincy.org.uk/) – oder der Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs, den ich zuerst beim 1. FC Köln implementiert habe und seit 2015 in Wirtschaft und Sport anbiete, haben das gewisse „somethin’”, das für die Entwicklung des deutschen Fußballs eine hohe Relevanz darstellt. Denn sie betrachten die Trainer und Spieler nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch als Person mit ihren Gedanken und Gefühlen, Einstellungen und Überzeugungen – nicht nur die Leistung, sondern auch das Leben. Sie stehen für eine ganzheitliche und nachhaltige Weiterentwicklung, die sich auf und neben dem Platz zeigen soll.

Dass eine (solche) Weiterentwicklung im deutschen Fußball vonnöten ist, zeigt nicht nur das Vorrundenaus der Nationalmannschaft bei der diesjährigen WM in Russland, das laut Oliver Bierhoff und Jogi Löw auch auf ein Einstellungsdefizit zurückzuführen ist (http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/1808/Artikel/wm-analyse-die-wichtigsten-erkenntnisse-von-joachim-loew-und-oliver-bierhoff.html), sondern ebenso die bereits davor emotional geführten Diskussionen über die Ausbildung und Förderung von Fußballtrainern und -spielern, die im internationalen Vergleich, insbesondere gegenüber England, inzwischen das Nachsehen hat (https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html). Initiativen und Kampagnen der Verbände, wie z.B. „Lebe gesund“ oder „Equal Game“ (früher: „No to Racism“), waren und sind wichtig; gleiches gilt für das duale Ausbildungskonzept im Nachwuchsbereich, Leitbilder und Verhaltenskodizes sowie Infoveranstaltungen zu Dopingprävention, Sportwetten oder einem angemessenen Umgang mit sozialen Medien. Ebenso ist es im Grundsatz nachvollziehbar, dass im Rahmen der NLZ-Zertifizierung für eine bestmögliche Bewertung u.a. eine sportpsychologische Betreuung Voraussetzung ist. Allerdings liegt der Fokus der sportpsychologischen Arbeit in der Regel auf der Optimierung von mentalen Strategien für die Vorbereitung und Durchführung von Wettkämpfen und nicht auf Fragen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur gelingenden Lebensgestaltung. D.h. in der Sportpsychologie geht es schwerpunktmäßig um Performance (Drath, Karsten 2012. Coaching und seine Wurzeln: Erfolgreiche Interventionen und ihre Ursprünge. Freiburg: Haufe-Lexware; Handow, Oskar 2003. Coaching und Leistungssport in Leistungssport und Wirtschaft. Dr. phil. Dissertation. Universität der Bundeswehr: München.).

Allerdings darf laut Hansi Flick, Frank Kramer, Mehmet Scholl oder auch Niko Kovac gerade in  den Nachwuchsleistungszentren nicht nur die Performance und Perfektion im Vordergrund stehen; vielmehr muss dort auch Raum für Kreativität, Individualität und fürs Menschsein gegeben sein ((https://www.tagesspiegel.de/sport/talentfoerderung-im-fussball-inzwischen-gilt-england-als-fuehrend/22635988-all.html; https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2018/07/niko-kovac-vom-fc-bayern-kritisiert-ausbildung-im-nachwuchs-wie-mehmet-scholl). Es braucht neue Ansätze und Methoden, die beides besser miteinander vereinen und starke Persönlichkeiten hervorbringen. Entsprechend forderten Ewald Lienen und Katja Kraus kürzlich bei der Sendung von Markus Lanz im ZDF unisono (https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-6-september-2018-100.html), dass (insbesondere junge) Spieler in den Clubs im Bereich Persönlichkeitsentwicklung besser gefördert werden müssten (Lienen 2018: 1:00:00) sowie eine „extrem […] gute Führung [benötigen], um da einigermaßen gut durchzukommen” (Kraus 2018:1:04:38).

Dass es trotz vieler positiver Entwicklungen im deutschen Fußball auch bereits seit Längerem Stagnationserscheinungen und Fehlentwicklungen gibt, die laut Ewald Lienen allerdings „in diesem Lande immer erst dann [… diskutiert worden], wenn die Nationalmannschaft nicht erfolgreich ist” (2018:54:15 min), verdeutlicht ein Appell von Jürgen Klinsmann aus dem Jahr 2008. Bereits damals forderte er, die Ausbildung zum Fußballlehrer um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” zu erweitern (https://www.sueddeutsche.de/sport/der-kopf-wird-nicht-trainiert-juergen-klinsmann-der-neue-trainer-des-fc-bayern-muenchen-1.598758). Und ein Jahr später gab er zu bedenken, dass es zwar eine Ausbildung zum Fußballspieler gebe, jedoch nicht zu einem Leben als Fußballprofi, der weiß, wie er mit seinem Umfeld umgehen und sein Leben gestalten soll (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/im-gespraech-juergen-klinsmann-hoeness-haette-sich-auch-verabschieden-muessen-1901209.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0). Ich bin davon überzeugt, dass entsprechend ganzheitliche Angebote der Vereine und Verbände heute insbesondere Toptalenten wie beispielsweise Mario Götze, Leroy Sané oder Jann-Fiete Arp helfen könnten, mit dem Hype um ihre Person besser umzugehen und mehr Konstanz in ihre Leistungen zu bringen.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses zentrale Puzzleteil in der Begleitung und Förderung von Trainern und Spielern der Profi-, Nachwuchs- und Nationalmannschaften in Zukunft eine stärkere Bedeutung erhält und integrativer Ausbildungsbestandteil im deutschen Fußball wird – insbesondere in der Fußballlehrer-Ausbildung, die auch zehn Jahre nach Klinsmanns Forderung keinen fünften Bereich  „Life-Skills und Persönlichkeitsentwicklung” aufweist, sondern nach wie vor auf den bereits 2008 existierenden vier Säulen „Fußball-Lehre, Psychologie, Physiologie und Spezialgebiete“ steht (https://www.dfb.de/sportl-strukturen/trainerausbildung/fussball-lehrer/). Wie wichtig nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung von Spielern, sondern auch von Trainern ist, betont neben Jürgen Klinsmann auch Ewald Lienen. Er konstatiert: „Wenn ich möchte, dass sich die Persönlichkeit der Spieler entwickelt, dann muss ich auch Persönlichkeiten bei den Trainern da haben” (2018:1:02:16). Durch die Erweiterung der Fußballlehrer-Ausbildung um einen fünften Bereich „Life-Skills, Persönlichkeitsentwicklung” könnte der DFB eine Vorreiterrolle einnehmen und so einen wichtigen Impuls für die positive Entwicklung des Fußballs in Deutschland setzen. Und das Beste: Er müsste dabei kein aufwendig gestaltetes eigenes Konzept kreieren, sondern könnte auf bereits vorhandene Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung, wie beispielsweise die „Sport for Development Competences” aus dem Amateur- und Entwicklungsbereich – oder das Club Chaplaincy-Angebot in der englischen Premier League – oder den Life-Coaching-Ansatz für Profi-Clubs zurückgreifen, den ich unter Einbeziehung der Geisteswissenschaften im interdisziplinären Rahmen der Humanities entwickelt habe und bereits in Wirtschaft und Sport umsetze. Denn alle drei vorgestellten Betreuungs- und Förderformate haben etwas Besonderes, das gewisse Etwas, „that somethin’”.

Viele Grüße
Ihr Michael Micic

 

 

 

 

CONNECTED – Was haben die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam?

In den vergangenen Wochen und Monaten wurden im Profifußball einige Grundsatzthemen zwar kontrovers, aber kaum aufeinander bezogen und auch nicht nachhaltig diskutiert. Mein Blogeintrag ist deshalb der Versuch, eine richtungsweisende Gesamtbetrachtung vorzunehmen und dabei darauf zu achten, was die Aussagen von Scholl, Petersen, Schuster, Mertesacker und Bierhoff gemeinsam haben. Aber der Reihe nach …

Im Dezember vergangenen Jahres holte der frühere Weltklassespieler und Edeltechniker Mehmet Scholl in seiner Radio-Sendung „Mehmets Schollplatten“ erneut zum Rundumschlag gegen die junge deutsche Trainergeneration aus. Die bereits im Jahr 2015 von ihm als „Laptop-Trainer“ bezeichneten Coaches stellen seiner Meinung nach allein das Kollektiv in den Vordergrund und seien „nicht wirklich an den Menschen und den Fußballern interessiert“. Deshalb gehe jegliche Individualität verloren. Spieler, die auf dem Platz den Unterschied ausmachen könnten und charakterlich häufig nicht leicht zu handeln seien, würden aussortiert. Übrig bleibe dann nur noch „eine weichgespülte Masse […], die erfolgreich sein wird, aber niemals das Große gewinnen wird“.

Etwa zur gleichen Zeit wie Mehmet Scholl bemängelte Freiburgs Nils Petersen, dass die Fußballbranche zu oberflächlich sei und er als Profi das Gefühl habe zu verblöden. Sein derzeitiges BWL-Fernstudium sei stupide und langweilig – und die Zuschauer auf den Rängen im Stadion „insgesamt wohl intellektueller und schlauer als ich“.  Petersen schäme sich manchmal, „weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze“. Monate später griff Petersens Mitspieler und Kapitän Julian Schuster die Kritikpunkte auf und forderte von der Bundesliga bessere Weiterbildungsmöglichkeiten – und zwar solche, „die auf den Alltag eines Profi-Fußballers abgestimmt sind“ und „mit denen ich auch außerhalb des Fußballbereichs etwas anfangen kann“. Bestehende Angebote an den Hochschulen hätten den Nachteil, dass sie vielfach von Profis ungenutzt bleiben müssten, da „wir nicht flexibel sind. Wir können beispielsweise kein Studium mit Anwesenheitspflicht machen“, sagte Schuster.

Während Schuster und Petersen ein Bildungsdefizit bei Profi-Fußballern sehen, beklagte Per Mertesacker deren extreme Drucksituation. Der Weltmeister von 2014 und aktuelle Arsenal-Kapitän hatte in einem Spiegel-Interview Anfang März dieses Jahres zugegeben, dass sein Körper über die gesamte Profikarriere hinweg an Spieltagen und bei Turnieren auf den enormen Druck mit Brechreiz und Durchfall reagiert habe. Besonders schlimm sei es bei der Heim-WM 2006 gewesen. Mertesacker „war erleichtert, als wir gegen Italien ausgeschieden sind. […] Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.“ Bei der WM damals wie auch insgesamt im Fußballgeschäft gehe es „null mehr um Spaß […], sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“.

Diesen enormen Performance-Druck kann und will Oliver Bierhoff zwar nicht wegnehmen; denn schließlich muss man sich seiner Meinung nach „als Spieler bewusst sein, dass man immer wieder mit enormem Druck von außen und ständiger Bewertung konfrontiert wird – durch Fans, Vereine, Sponsoren, Medien“. Andererseits sollten die Vereine und Verbände „den Akteuren aber auch helfen. Und sie müssen sich helfen lassen.“ Vor allem gehe es darum, dass die Verantwortlichen dem Individuum „noch stärker zuhören“.

An den Menschen interessiert sein und die Individualität der Spieler fördern (Scholl); auf den Alltag der Profi-Fußballer abgestimmte Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen (Petersen und Schuster); Spieler nicht nur zu Hochleistungsmaschinen trimmen, sondern sie auch Spaß am Fußball haben lassen (Mertesacker); ihnen helfen und ihnen stärker zuhören (Bierhoff)  – auf einen gemeinsamen Nenner gebracht: die Person und die Persönlichkeit hinter den Profi-Fußballern zu sehen, zu achten und zu fördern. Das ist das, was alle genannten Akteure und Verantwortlichen unisono gemeinsam von den Vereinen und Verbänden letztendlich fordern und erwarten.

Dabei geht es nicht darum, Leistungsorientierung durch Menschenorientierung zu ersetzen, sondern beides angemessen aufeinander zu beziehen. Eine Angemessenheit ist nur dann gewährleistet, wenn das Menschliche und Individuelle nicht auf der Strecke bleibt, sondern das Leistungsdenken begrenzt. Was der Fußball aus meiner Sicht daher dringend benötigt, ist eine humane Leistungsorientierung – und das bedeutet für alle (!) Stakeholder des Fußballs, sich gegenseitig nicht auf die jeweilige Funktion zu reduzieren, sondern bei aller Intensität und Rivalität immer noch den wertvollen und einzigartigen Menschen im Anderen zu sehen. Und damit würde man auch sich selbst etwas Gutes tun. Denn wer den Menschen im Anderen nicht mehr sieht, der sieht auch den Menschen in sich selbst nicht mehr. Ist es das wert?

Viele Grüße und bis demnächst!
Ihr Michael Micic