Ganz gleich, ob Du ein*e Trainer*in im Sport oder eine Führungskraft in der Wirtschaft bist: Dein Team so zu entwickeln und zu formen, dass daraus eine Einheit entsteht und sich die Teammitglieder motiviert einbringen, Sinn und Halt erfahren, ihr individuelles Potenzial entfalten und gemeinsam erfolgreich sind, ist eine komplexe und herausfordernde Aufgabe.

Viele Faktoren spielen hier eine Rolle – z.B. die Zusammensetzung des Teams, mit dem Du arbeitest, oder die Rahmenbedingungen oder auch und vor allem die Beziehung zwischen Dir und Deinem Team.

 

Vertrauen als „Must-have“ guter Führung

Um Menschen zu führen, brauchst Du Vertrauen. Vertrauen in Dich und Dein Team und die Fähigkeit, das Vertrauen Deines Teams zu gewinnen. Hast Du das und woran machst Du das fest? Weder Dein fachliches Know-How noch finanzielle oder andere Anreize, die Du Deinem Team anbietest, können das Vertrauen ersetzen. Vertrauen ist ein „Must-have“ guter Führung.

Deshalb beschäftigt sich der New-Leadership-Ansatz im Rahmen des New-Work-Diskurses zentral mit der Frage, wie der Aufbau einer Vertrauenskultur entstehen kann. Und der bereits verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs ermutigte dazu, neuen Mitarbeitenden Vertrauen zu schenken und ihnen Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten zu bieten, als er sagte:

„It doesn’t make sense to hire smart people and then tell them what to do. We hire smart people so they can tell us what to do.“
Im Basketball sind Trainer wie Dean Smith oder Phil Jackson für ihre besondere Gabe, Vertrauen zu geben und sportliche Potenziale zu heben, bekannt geworden; im Tennis beispielsweise Größen wie Patrick Mouratoglou oder Boris Becker. Und im Fußball gelten Trainer wie Zinedine Zidane, Jupp Heynckes, Jürgen Klopp oder Hansi Flick spätestens seit ihren jeweiligen Champions-League-Triumphen als „Spielerflüsterer“ und „Menschenversteher“, die es schaffen, Spieler individuell und als Team in ihre Stärke zu bringen und zum Erfolg zu führen.

 

Die „großen Drei“

Wenn also das menschliche Miteinander auch in Hochleistungssystemen wie Wirtschaft und Sport einen so großen Einflussfaktor darstellt, welche (Handlungs-)Spielräume stehen Führungskräften und Trainer*innen dann zur Verfügung, um eine Vertrauenskultur zu schaffen, die Potenzialentfaltung und Erfolg überhaupt erst möglich macht? Nach meiner Erfahrung geht es in der Beziehung zwischen Führungskräften bzw. Trainer(inne)n und ihren Teams hauptsächlich um die „großen Drei“: Motivating, Coaching und Guiding. Die drei Bereiche im Einzelnen:

 

 

Motivating

Grundlage von allem ist die (richtige) Motivation – und zwar die intrinsische, also innere eigene Motivation als Führungskraft oder Trainer*in. Und die innere Motivation wiederum leitet sich aus den eigenen Werten und Überzeugungen ab. Die zentralen Fragen für Führungskräfte und Trainer*innen lauten also: Warum möchte ich ein Team führen, was treibt mich im Tiefsten an und wovon bin ich überzeugt? Geht es um mich, um meine Performance und Karriere – oder um mein Team, in dessen Dienst ich mich stelle und einbringe? Stefan Hirschberg, Sportlicher Leiter des Aufbaubereichs bei Mainz 05, greift insbesondere die letztgenannte Frage in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift „Fußballtraining“ auf.

Ein Team spürt, ob es im Mittelpunkt steht – oder nicht. Und es braucht Anregungen, Beistand und Motivation – sowohl als Ganzes als auch individuell für die einzelnen Teammitglieder. In guten und insbesondere in schwierigen Zeiten. Zlatan Ibrahimovic brachte es in einem früheren Interview auf seine ganz eigene Art und Weise zum Ausdruck:

„If you have somebody who doesn’t stimulate you, I will not fight for him. That’s why you have trainers – to give you motivation. I can just say: with Mourinho – I could go out and kill for Mourinho. That’s the motivation he gave me. That’s how he stimulated me.“

Zugegeben: Die Ibrahimovic-Aussage klingt ziemlich martialisch. Aber die Kernfrage bleibt: Kennst und sprichst Du die Sprachen der Motivation Deines Teams und der einzelnen Teammitglieder? Und habt Ihr darüber hinaus eine gemeinsame Idee und Vision davon, wohin Ihr Euch entwickeln, was Ihr erreichen und wie Ihr miteinander arbeiten wollt?

 

Coaching

Ein zweiter Bereich, der eine Vertrauenskultur und damit Potenzialentfaltung und Erfolg fördert, ist Coaching. Mit „Coaching“ meine ich allerdings nicht das, was man im Sport i.d.R. darunter versteht – nämlich, nützliche Informationen in Form von Kurzformeln punktgenau vor-/weiterzugeben und damit eine gewisse Command & Control-Struktur mit klarem Hierarchiegefälle zwischen dem/der anweisenden Trainer*in (Expert[inn]enfunktion) und dem Athleten bzw. der Athletin (Ausführungsfunktion) zu schaffen. Das ist für mich „Guiding“ – und darauf gehe ich gleich beim dritten Punkt ein.

Nein, unter „Coaching“ verstehe ich keinen Monolog von Führungskräfte- oder Trainer*innen-Seite, keine One-Way-Kommunikation – sondern Partnerschaft, Dialog und Augenhöhe. Im klassischen Business-Coaching geht es um die Ziele, Vorstellungen, Probleme und Anliegen der Klient(inn)en (für Führungskräfte in der Wirtschaft sind das ihre Mitarbeitenden; für Trainer*innen im Sport ihre Athlet[inn]en) – und darum, wie ich sie als Coach*in einer Art „Hilfe zur Selbsthilfe“ dabei begleiten kann, ihre eigenen Ressourcen und Potenziale zu aktivieren, damit sie selbstständig Lösungen erarbeiten und ihre Ziele erreichen. Bisher habe ich „Coaching“ auch so verstanden und es in meinem Vortrag „Coaching – was der Sport von der Wirtschaft lernen kann“, den ich im Mai dieses Jahres bei einer virtuellen Tagung mit den DFB-Stützpunktkoordinatoren gehalten und danach hier in meinem Blog erwähnt habe, gelehrt.

Vor Kurzem habe ich allerdings die im vergangenen Jahr erschienene Veröffentlichung „Coaching als mitmenschliche Begegnung“ von Reinhard Stelter & Uwe Böning entdeckt, die mein Coachingverständnis erweitert bzw. verändert hat. Für Stelter & Böning ist Coaching mehr als ein Instrument zur Selbsthilfe und Selbstoptimierung der Klient(inn)en. Für sie ist Coaching eine Kunst – eine „Kunst zu verweilen“, wie es in ihrem Untertitel heißt. Eine Kunst, bei der es um „die größtmögliche Kooperation aller Beteiligten geht“ und um „Augenblicke von Symmetrie und Mit-Menschlichkeit“. Der Fokus liegt „nachdrücklich auf gemeinsames Sinnschaffen, auf Wertereflexion und auf eine narrative Praxis, die beide oder alle Dialogteilnehmer[innen] in einen Prozess gegenseitiger Bereicherung einbezieht“. In Bezug auf Wirtschaft und Sport bedeutet das, dass sich coachende Führungskräfte und Trainer*innen in diesem Prozess selbst als Mit-Reflektierende und Mit-Lernende sehen und bereit sind, auch ihre eigenen Erfahrungen einzubringen, damit gegenseitiges „Verstehen und Neuorientierung, […] Befreiung“ und Vertrauen entstehen kann.

Im Unterschied zu dem im Sport vorherrschenden Verständnis von „Coaching als Anweisung“ und auch im Unterschied zum klassischen, in der Wirtschaft weit verbreiteten und von Coachingverbänden vertretenen Verständnis von „Coaching als Moderation und Begleitung“ für die/den Klientin/Klienten, damit diese*r zu eigenen Lösungen gelangt, steht beim „Coaching als mitmenschliche Begegnung“ das Thema/der Gesprächsgegenstand im Mittelpunkt, über das/den gemeinsam reflektiert wird, wodurch alle Beteiligten eine Chance auf Mitsprache und neue Lernerfahrungen haben. Was hierbei geschieht, ist mehr als das Erlangen von Problemlösungskompetenz für eigene Anliegen; es entstehen „nachhaltige, fruchtbare und transformative Dialoge“ und diese ermöglichen die Erfahrung von Identitätsbildung und Sinnstiftung, Respekt, Gemeinschaft – und Vertrauen.

 

Guiding

Neben der beschriebenen Wichtigkeit von „Motivating“ und „Coaching“ gibt es einen dritten Bereich, der eine Vertrauenskultur und damit Potenzialentfaltung und Erfolg fördert – und insbesondere in heißen Projektphasen in der Wirtschaft sowie in engen Wettkampfsituationen im Sport zum Tragen kommt: das Guiding. Während die Führungskraft bzw. der Trainer/die Trainerin beim Coaching die Rolle der Dialogführung übernimmt und sich alle Beteiligten einbringen können, geht es beim Guiding darum, in bestimmten angespannten Situationen Vorgaben zu machen und Anweisungen zu geben, die zu befolgen sind – einfach deshalb, weil z.B. aufgrund der Situation, des Zeitdrucks, des Risikos oder der fehlenden Reife des Teams bzw. der Teammitglieder (noch) kein Dialog möglich ist, aber ein entschiedenes Handeln und Erfahrung nötig sind.

Ein*e Bergguide kennt den Berg. Er/Sie kommuniziert vor dem Beginn der Tour die Spielregeln und markiert die Leitplanken der Verhaltensmöglichkeiten, innerhalb derer sich alle Beteiligten so weit wie möglich frei bewegen können. Damit niemand aufgrund von Überheblichkeit, Panik oder Missgeschick sich verletzt oder gar verunglückt, werden die Anweisungen und Vorgaben an den gefährlichen Stellen der Route nochmals klarer und jede/r hofft, durch die Führung der/des Guide*s sicher und erfolgreich am Ziel anzukommen. Die Teilnehmer*innen der Tour wären damit überfordert, dies selbstständig zu schaffen. Deshalb wollen sie ja eine*n Guide – nicht nur als Begleitung und Partner*in, sondern als Chef*in der Gruppe mit alleiniger Entscheidungsbefugnis.

Trainer*innen im Sport sind im Wettkampf zwar ähnlich wie ein*e Guide beim Bergwandern/-klettern mit beteiligt, haben aber dennoch (zumeist) nicht das Adrenalin und den Puls wie die Athlet(inn)en während des Spiels oder in den Pausen. Und vor allem haben sie i.d.R. eine größere Übersicht, mehr Abstand, Erfahrung, Reife und die Fachkenntnis, um als Guide agieren und intervenieren zu können. Gleiches gilt für viele Führungskräfte – wenn auch nicht unbedingt immer in Bezug auf die Fachkenntnis, aber zumeist doch (hoffentlich) hinsichtlich der anderen genannten Punkte.

 

(Handlungs-)Spielräume nutzen

Als Führungskraft in der Wirtschaft oder als Trainer*in im Sport (Handlungs-)Spielräume wie Motivating, Coaching und Guiding zu nutzen und zu wissen, welcher dieser drei Bereiche in welcher Situation bei wem dran ist, das ist ganzheitliches und wirkungsvolles Leadership, das Vertrauen schafft sowie Potenzialentfaltung und Erfolg fördert.

Ich wünsche Dir viel Erfolg, Kraft und Weisheit bei der Umsetzung. Dein Team wird es Dir danken.

Bis demnächst!

Michael Micic

Bild: metamorworks/iStockphoto

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