Seit inzwischen mehr als einem Jahr hält uns das Corona-Virus weltweit in Atem. Viele sind müde oder wütend – oder beides zugleich: „mütend“. Diese Wortneuschöpfung, die zwar nicht von der Essener Notfallärztin Carola „Doc Caro“ Holzner stammt, aber erst durch die Nennung in ihrem zigtausendfach geteilten Facebook-Post inzwischen deutschlandweit Beachtung gefunden hat, beschreibt den Zustand großer Teile unserer Gesellschaft.

Der Corona-Marathon fordert weltweit seinen Tribut und konfrontiert uns im wohlhabenden Westen mit einem Phänomen, von dem wir vor der Pandemie dachten, dass es das nur anderswo gäbe: Unverfügbarkeit.

Unverfügbarkeit als neue Erfahrung

Denn wenngleich der weltweit erste mRNA-Impfstoff, der bereits im Dezember letzten Jahres eine Marktzulassung erhielt, in Deutschland entwickelt wurde, verfügen wir hierzulande noch immer nicht über genügend Mengen, um allen Bürger*innen ein Impfangebot machen zu können. Und auch ein Jahr nach Ausbruch des Virus bleiben wir aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr weiterhin in unserer Mobilität und Bewegungsfreiheit eingeschränkt – und das im Land des Automobils. Darüber hinaus gelten wir als das Land der Dichter*innen und Denker*innen. Aber Kulturveranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen bleiben uns untersagt und der Zugang zu Wissen und Bildung ist für Schüler*innen im unberechenbaren On- und Off-Schulbetrieb zumindest nur bedingt möglich. Und die Restaurants und Hotels? (Vorübergehend dauerhaft) geschlossen. Klopapier? Aktuell verfügbar. Aber wie lange noch?

Unverfügbarkeit war ein Wort, das viele von uns vor Corona praktisch nicht kannten, d.h. nicht durchlebt haben. Aber spätestens jetzt kennen und erleben wir Unverfügbarkeit – wenn auch unterschiedlich. Anders als Schwellen- oder Entwicklungsländer waren wir im reichen westlichen Teil der Erde als „Überflussgesellschaft“ – wie uns der inzwischen verstorbene amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith bezeichnete – an (sofortige) Verfügbarkeit gewöhnt. Sie ist im Laufe der Jahre selbstverständlich geworden und hat eine Haltung des Habens und des Nehmens statt des Seins und des Gebens befördert.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt den Zustand moderner westlicher Gesellschaften in seinem Buch „Unverfügbarkeit“ wie folgt: „Das kulturelle Antriebsmoment jener Lebensform, die wir modern nennen, ist die Vorstellung, der Wunsch und das Begehren, Welt verfügbar zu machen.“

Aber mit dieser Lebensform und Haltung berauben wir uns selbst der Einsicht und der Erfahrung, mit Unverfügbarkeit leben zu lernen und das Unverfügbare, das imstande ist, sich unseren Verfügbarkeitsbestrebungen zu entziehen, im scheinbar Verfügbaren zu entdecken und wertzuschätzen. Und damit töten wir uns selbst und schaffen uns eine tote Welt. Denn – so Rosa weiter: „Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung […] entstehen aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren.“

Der (un-)verfügbare Mensch in Wirtschaft und Spitzensport

Doch – wie gesagt – mit dem Unverfügbaren hatten wir vor Corona noch keine oder nur bedingt Erfahrung. Stattdessen herrschte das Primat des Verfügbarmachens, aus dem Konformitätsdruck und Unfreiheit resultiert. In der Epoche des Industriezeitalters galten in unseren Leistungssystemen – wie z.B. in der Wirtschaft oder im Spitzensport – klassisch-hierarchische Vorstellungen von Führung als Command and Control. Der unverfügbare Mensch wurde von Vorgesetzen und Trainer*innen – wie es der Hirnforscher Gerald Hüther formuliert – „zum Objekt [ihrer…] Vorstellungen, Maßnahmen, Ziele und Absichten“ gemacht. Er hatte verfügbar zu sein und zu funktionieren.

Die neue Epoche des Informationszeitalters, die bereits Ende des vergangenen Jahrtausends begann, ermöglicht eigentlich nicht nur intelligente und saubere Jobs sowie weltweite digitale Kommunikation, sondern bietet auch die Chance, alte Command-and-Control-Strukturen in Wirtschaft und Spitzensport abzulegen und stattdessen neue Formen des Zusammenarbeitens einzuüben sowie Freiheit, Kreativität, Individualität und Teilhabe zu fördern. Eigentlich können auch in diesen Hochleistungssystemen Objekterfahrungen eliminiert und „Subjekt-Subjekt“-Beziehungen in einem hierarchiefreien Raum entstehen: partnerschaftlich und auf Augenhöhe, wertschätzend und unterstützend, Individualität und Potenziale entwickelnd. Wie gesagt – eigentlich.

Vielleicht ist es nicht das Corona-Virus, das uns in Schach und in Atem hält, sondern unsere Unfähigkeit, neu zu denken und zu handeln. Im ersten Lockdown schien es, als ob eine neue Art zu arbeiten und zu leben plötzlich Realität werden würde. Nicht nur unsere Laptops, auch wir fuhren herunter und entschleunigten, verbrachten mehr Zeit mit der Familie, lasen Bücher, dachten über das Leben nach und waren für andere nicht oder zumindest weniger verfügbar. Wir machten mehr von dem, was wir wirklich, wirklich wollen. Doch was ist davon geblieben, was machen wir heute und in Zukunft anders als vor Corona? Haben wir uns als Individuen, als Subsystem, als Gesellschaft wirklich weiterentwickelt in dieser Corona-Pandemie und gelernt, uns und andere zu entfalten – oder sind wir wieder oder immer noch verwickelt in unseren Versuchen, die Welt verfügbar zu machen bzw. in den Versuchen anderer, die Welt und damit auch uns im (Würge-)Griff zu halten?

Verfügbarmachung oder Potenzialentfaltung?

Seit ich im Jahr 2019 bei der New Work Experience von XING, der NWX19, den Vortrag von Gerald Hüther gehört habe, sind mir seine Worte immer noch im Ohr und seit Beginn dieser Pandemie mehr denn je. Ich frage mich: Leiste ich als Personalentwickler und Coach, Ehemann und Vater, leisten Führungskräfte in der Wirtschaft und Trainer*innen im Spitzensport durch die Art des Denkens und Handelns einen Beitrag zur Potenzialentfaltung der uns anvertrauten Menschen oder verhindern wir sie, weil wir ihnen unsere Vorstellungen von dem, wie sie zu sein haben, überstülpen und sie nicht als das anerkennen, was sie sind: frei und unverfügbar?

Gerald Hüther: „Wir alle gehen [..] mit einem Riesenpotenzial in die Welt hinein und versuchen, dieses Potenzial zu entfalten. Und da die Welt aber schon eine Struktur hat, […] weil da schon alles irgendwie von Menschen [..] vorgeformt ist, wo man so hinein sich entfalten möchte, kommt es zu Verwicklungen. Also man verwickelt sich mit sich selbst, man verwickelt sich mit den Anderen und dann ist mit Entfaltung nichts mehr zu wollen. Dann geht das nicht mehr. Man kann sich nicht – verwickelt, wie man ist – entfalten. Und deshalb muss man sich dann erstmal ent-wickeln – also raus-wickeln aus dem, wo man sich ver-wickelt hat. Und dann kann man sich wieder entfalten.“

Für dieses „Raus-Wickeln“ oder „Ent-Wickeln“ sei der Mensch allerdings – so Hüther weiter – auf die Hilfe und Berührung anderer angewiesen – vielleicht ja auch auf Personal- und Persönlichkeits-Ent-Wickler*innen? Dadurch erhalte er die Möglichkeit, wieder mit sich selbst in Berührung zu kommen – und dafür könne man „Räume schaffen. […] Man kann sich nicht selber berühren. Und weil einem das so angetan worden ist, dass man seine eigene Freude am Entdecken und Gestalten unterdrücken musste, weil man zum Objekt gemacht worden ist – und zwar angeturned von anderen – brauchen wir wieder andere Menschen, die uns davon erlösen [und wieder zum Subjekt machen]. Und die Erlösung geschieht durch Begegnung. D.h. es muss irgendjemand da sein, der sich wieder auf uns einlässt. Der uns ernstnimmt. Der uns anschaut. Der das in uns sieht, was da an Potenzial verborgen ist. Und der uns einlädt, ermutigt und inspiriert, uns auf eine neue, eine andere, auf eine günstigere Erfahrung einzulassen. Und aus dieser neuen Erfahrung erwächst dann eine neue Haltung: die Haltung eines oder einer Liebenden.“

Unverfügbarkeit und die Osterbotschaft

Wenn es die Corona-Zeit vielleicht (noch) nicht geschafft hat, Dich und mich in eine liebende und potenzialfördernde Haltung zu bringen, dann vielleicht das diesjährige Osterfest. Denn es erinnert uns alljährlich an den, der sich als der Unverfügbare und Liebende verfügbar gemacht hat, um unsere Unverfügbarkeit, Individualität und Freiheit zu schützen sowie Transformation und neues Leben zu ermöglichen.

Frohe Ostern und bis demnächst!

Michael Micic

Bild: qimono/Pixabay

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