Haltung zieht nach oben und verschafft Ausblick!

Lust auf eine kleine Coaching-Übung?

Stellen Sie sich bitte einmal hin, die Füße etwa schulterbreit auseinander. Strecken Sie Ihre Beine durch und krümmen den Oberkörper, soweit Sie können. Lassen Sie dabei ruhig die Arme herunterbaumeln. Jetzt versuchen Sie bitte, den Kopf in den Nacken zu legen und nach vorne zu schauen und dabei tief ein- und auszuatmen. Na, ausprobiert? Gut. Bleiben Sie bitte in dieser Haltung und beobachten Sie, was gerade passiert. Spüren Sie die Spannung in den hinteren Oberschenkeln sowie die Schwere und den Druck in der Bauch- und Magengegend? Wie weit können Sie sehen? Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten den Rest des Tages in dieser Position verharren. Was geht Ihnen jetzt gerade durch den Kopf? Denken Sie ruhig etwas länger darüber nach.

Nachdem Sie eine Weile in dieser Position verharrt haben, richten Sie Ihren Oberkörper bitte – weiterhin tief ein- und ausatmend – langsam wieder auf, bis Sie ganz aufrecht stehen. Ziehen Sie die Schultern nun etwas nach hinten und unten und machen Sie sie breit. Nehmen Sie sich wieder Zeit und beobachten Sie, wie die Spannung in den hinteren Oberschenkeln nachlässt und beim tiefen Ein- und Ausatmen der Druck in der Bauch- und Magengegend verschwindet. Schauen Sie sich ruhig und gelassen um – so, als wären Sie eine Königin oder ein König – und beschreiben Sie laut oder leise, was Sie gerade alles sehen und in Ihrem Körper spüren.

Wenn Sie die Wahl haben zwischen der gekrümmten und der aufrechten Position, entscheiden Sie sich sicher für die aufrechte – oder vielleicht doch nicht?

Homo incurvatus in se ipsum – der in sich selbst gekrümmte Mensch

Im Neuen Testament wird im 13. Kapitel des Lukasevangeliums von einer Frau berichtet, die seit achtzehn Jahren krank war. Sie war gekrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen. Und auch heute noch gibt es Menschen, die dieses körperliche Leiden haben und sich nicht aufrichten können. Martin Luther sprach ebenfalls vom Gekrümmtsein – allerdings nicht im körperlichen, sondern im seelischen und geistig-geistlichen Sinn. Luther bezeichnete den Menschen, der in seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit, in seinen Ängsten und Sorgen auf sich selbst und seine eingeschränkte Perspektive bezogen bleibt und dabei gleichzeitig ständig damit beschäftigt ist, diese innere Spannung bzw. Zerrissenheit zu leugnen oder zumindest nach außen hin zu überdecken, sich gut darzustellen und so abzudecken, dass er weder angegriffen noch sonst etwas von außen in ihn eindringen kann, das zu einer Verletzung oder einer Denk- und Haltungsänderung führen würde, als homo incurvatus in se ipsum – als in sich selbst gekrümmten Menschen.

In Krisenzeiten wie der aktuellen Corona-Pandemie neigen Menschen – aber auch Staaten und Firmen, Vereine und Verbände – vielfach dazu, eine gekrümmte Haltung einzunehmen. Sie bleiben auf sich selbst und ihre eingeschränkte Perspektive bezogen, sie spüren die Spannung und den Druck, sind aber nicht bereit, sich aufzurichten, die Perspektive zu erweitern und sich (mit Hilfe von außen) umzuschauen, welche Gestaltungs- und Veränderungschancen sich ihnen trotz oder gerade wegen der Krise bieten bzw. was ihnen helfen könnte, unbeschwert zu atmen.

Je länger die Krise, desto größer die Transparenz

Vielleicht gelingt es ihnen zumindest eine Zeit lang, ihr Gekrümmtsein zu verdecken und sich nach außen hin aufrecht darzustellen; auf Dauer wird das allerdings schwierig und ist vor allem anstrengend. Je länger eine Krise andauert – und die Corona-Krise ist eine langanhaltende, deren Ende noch nicht abzusehen ist –, desto größer wird die Transparenz. Während in (vermeintlich) guten Zeiten oftmals unklar ist, wie Menschen – aber auch Staaten und Firmen, Vereine und Verbände – wirklichen ticken, bieten Krisen und damit verbundene (vermeintlich) schlechte Zeiten die Chance, hinter die Maske oder Fassade zu blicken und Einstellungen und Haltungen zu erkennen, die zuvor verdeckt oder zumindest schwieriger einsehbar waren. Insofern stellt auch die aktuelle Coronakrise einen Lackmustest dar, mit dem überprüft werden kann, ob das, was nach außen dargestellt und verkauft wird, auch tatsächlich gelebt wird und welche Wertvorstellungen und Interessen dahinterstehen. Das Krisenhandeln bzw. -nichthandeln macht Kongruenzen und Inkongruenzen zwischen Außen und Innen, zwischen Gesagtem und Gelebtem offenbar. Die Haltung wird ersichtlich. Passend hierzu formulierte es einst Helmut Schmidt:

„Charakter zeigt sich in der Krise.“
In der Krise zeigt sich, ob die fünf P’s, „Passion, Patience, Persistence, Perception, Purpose“, die häufig als Erfolgsfaktoren für ein gelingendes und erfülltes (Arbeits-)Leben genannt werden, oder die fünf P’s der Nachhaltigkeitsziele, „People, Planet, Prosperity, Peace, Partnership“, wirklich ernst gemeint sind und verfolgt werden oder anderen Zielen und Interessen zum Opfer fallen – ob sie als Nice-to-haves oder Must-haves gelten.


Gekrümmt oder aufrecht durch die Krise – und durchs Leben?

In welcher Haltung gehen wir durch diese Krise – und durchs Leben? Das ist die entscheidende Frage. In uns selbst gekrümmt oder aufrecht, mit einer engen und eingeschränkten oder einer offenen und weiten Perspektive; destruktiv, passiv und abwartend oder konstruktiv, aktiv und gestaltend; ausgrenzend oder einladend; ängstlich oder mutig und entschlossen; monologisierend oder dialogisierend; rein von kurzfristigen Erfolgen und Zahlen und Daten getrieben oder einer Vision und der Verantwortung für Mensch und Umwelt verpflichtet?

Entscheiden Sie selbst.

Aufrecht durchs Leben zu gehen bedeutet im Übrigen nicht, die Herausforderungen, die einem begegnen, zu ignorieren oder kleinzureden, sondern sie so zu bewältigen, dass man selbst und andere nicht daran zerbrechen, sondern gestärkt daraus hervorgehen.

In der biblischen Geschichte, die ich erwähnt habe, bleibt die Frau nicht gekrümmt, sondern sie begegnet Jesus, der ihr Leiden sieht, sie berührt und aufrichtet – nachdem sie 18 lange Jahre nicht aufrecht gehen konnte.

Wir sehen also: Es ist nie zu spät, sich und andere aufzurichten – auch und erst recht nicht in Krisenzeiten!

 

Ihr Michael Micic

Buchtipp: Möller, Christian 2003. Der heilsame Riss. Stuttgart: Calwer.

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