Der Jahreswechsel bietet Gelegenheit zur Bilanz und Reflexion. Er lädt dazu ein, innezuhalten und sich wieder neu auszurichten mit Hilfe von Fragen wie: „Was soll im neuen Jahr bestehen bleiben, was möchte ich hinter mir lassen und womit starte ich?“ Wie würdest Du diese Fragen für Dich beantworten, wie möchtest Du das Jahr 2025 gestalten?
In den vielen Gesprächen, die ich in den vergangenen Jahren mit unterschiedlichen Menschen geführt habe, trat immer wieder eine schwer in Worte zu fassende, tief verwurzelte Sehnsucht zutage – eine Sehnsucht, die sowohl die Arbeit als auch das Leben insgesamt betrifft. Und nicht nur dann, aber insbesondere in den stillen Momenten zwischen den Jahren wird vielen bewusst, dass sie sich mehr vom (Arbeits-)Leben wünschen.
Unabhängigkeit und Hingabe statt Unfreiheit und Tristesse
Sie halten ihr Gehalt für ihre Tätigkeit zwar für angemessen, wollen aber nicht nur ein faires Einkommen, sondern wirtschaftliche Unabhängigkeit – nicht aus Undankbarkeit und Gier, sondern weil sie dadurch erst die psychologische Freiheit verspüren, sagen und tun zu können, was sie wirklich denken und für richtig halten, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten anderer nehmen oder Kompromisse schließen zu müssen.
Sie machen ihren Job zwar gut, erhalten positive Rückmeldungen, wirken äußerlich glücklich und zufrieden – fühlen sich innerlich aber dennoch „irgendwie fehl am Platz“ und nicht „wie ein Fisch im Wasser“. Sie brauchen ein anderes Umfeld, das sie spannend(er) finden und sie inspiriert. Mit allen „nur gut auszukommen“, ist ihnen zu wenig.
Sie möchten nicht nur einen sicheren Job, sondern Teil einer Bewegung sein, fortschreiten – und weder äußerlich noch innerlich auf der Stelle treten. Sie wollen nichts maschinenartig und wiederkehrend „erledigen“ und einfach nur „abarbeiten“, sondern zur Exzellenz gelangen und sich einer Sache „mit Haut und Haaren“ hingeben, sie voll und ganz erfühlen und erleben.
Sie wollen nicht nur anders arbeiten, sondern insgesamt mehr vom Leben: keine oberflächlichen Bekanntschaften, sondern das Gefühl einer tiefen Verbundenheit zu anderen Menschen – Geborgenheit, Zugehörigkeit UND Eigenständigkeit, Denkanstöße, Sinn- und Körpererfahrungen; raus aus der Tristesse des Alltags und den gesellschaftlichen Konventionen, keine Erwartungen mehr erfüllen, sondern das Leben wieder (oder neu) in seiner ganzen Fülle – mit Freude, Leid, Schmerz, Glaube, Hoffnung und Liebe – allein und mit anderen entdecken.
Ableitungen für das Bildungssystem und die Wirtschaft
Wie wäre es, wenn wir als Gesellschaft danach trachteten, diese Sehnsüchte ernstzunehmen und bereits Kindern und Jugendlichen dabei helfen würden, ihrer natürlichen Entdeckungsfreude nachzugehen? Wie wäre es, ihre Träume und Wünsche zu respektieren, auch wenn sie noch so groß und unerreichbar zu sein scheinen – anstatt sie durch unsere eigene begrenzte Vorstellungskraft kleinzureden und junge Menschen in unseren Bildungssystemen darauf zu trimmen, vorgegebenen Stoff stumpf durchzukauen und ihn dann nach den Prüfungen wieder bulimieartig auszuspeien?
Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass Eltern, Erzieher*innen, Lehr- und Führungskräfte sich als Förder*innen von Potenzialentfaltung, Lebenslust und gesellschaftlicher Entwicklung verstehen – und die ihnen anvertrauten Menschen z.B. mit folgenden Worten ermutigen: „Suche nach dem, was Dich anzieht, was Dich wirklich, wirklich interessiert und fasziniert, tauche darin ein, bohre und kämpfe Dich da hinein, überwinde Hindernisse, entwickle Expertise – und dann teile sie, damit andere durch Dich – ja: gesegnet werden. Die Welt da draußen soll etwas davon abbekommen und teilhaben dürfen an dem, was Dich inspiriert und was Du sehr gut kannst.“
Wie wäre es, wenn in Recruiting- und Mitarbeitengesprächen nicht primär die Anforderungen der Stelle im Fokus stünden, sondern zunächst die individuellen Leidenschaften und Interessen der Bewerbenden bzw. Mitarbeitenden; wenn diese erfragt und gefördert würden, um anschließend in einem offenen Dialog gemeinsam zu klären – oder vielmehr zu erspüren –, ob ihre Ziele und Talente zu den Unternehmenszielen passen und dort einen Entfaltungsraum finden können, oder ob ihr Potenzial möglicherweise anderswo, vielleicht sogar außerhalb des Unternehmens, besser aufgehoben wäre?
Bestehender Rahmen oder Out of the Box?
Ich erlebe immer wieder, dass in der Entwicklung von Mitarbeitenden sowohl von ihnen selbst als auch von Seiten der Begleitenden der gegebene Rahmen als Denk- und Handlungsgrenze stillschweigend vorausgesetzt wird – gerade bei großen Einrichtungen und Unternehmen. So war es auch bei einer Bekannten von mir, die als Assistenz im öffentlichen Dienst tätig ist. Die Arbeit macht ihr Spaß, sie hat einen tollen Chef, der sie schätzt und fördert. Sie kann zu Fuß zur Arbeit gehen, arbeitet in Teilzeit, so dass auch Zeit für die Familie bleibt.
Bei ihrem jetzigen Arbeitgeber wird vielleicht in Kürze eine neue attaktive Stabsstelle frei und ihr aktueller Chef hat ihr sogar zugesagt, sie auf dem Weg dahin zu unterstützen – selbst wenn er sie, eine absolute Leistungsträgerin, dann an den „Oberchef“ verlieren würde. Und sie kann sich das auch „richtig gut“ vorstellen. Es wäre ein interessanter Karriereschritt für sie und sie hätte in dieser Funktion auch „ganz tolle Einblicke in noch viel größere Bereiche als bisher“. Eigentlich perfekt, oder?
Und dann frage ich sie: „Wenn Du jetzt mal Deinen aktuellen Rahmen außer Acht lässt, was würdest Du dann gerne beruflich machen?“ Wie aus der Pistole geschossen antwortet sie: „Dann würde ich mein eigenes Unternehmen gründen und als Ernäherungsberaterin selbstständig tätig sein. Ich interessiere mich schon lange für dieses Thema. Ernährung ist meine Leidenschaft.“ Ihre Augen strahlen, wenn sie davon erzählt. Sie ist voller Energie, und wenn sie spricht, dann ist es so, als wäre sie da schon mittendrin in diesem ganz anderen Job. Ich spüre, wie das auch etwas in mir entfacht. Ein heiliger Moment. – Doch nach diesem kurzen Funken wird sie plötzlich nachdenklich, überlegt die Risiken und ob sie so etwas denken dürfe, ob das nicht zu gefährlich und zu egoistisch sei, so etwas zu wagen, groß zu träumen und sich selbst in ihrer Leidenschaft zu verwirklichen…
Was würdest Du an ihrer Stelle machen: im bestehenden Rahmen bleiben oder „out of the box“ ganz neu durchstarten? Was erwartest Du vom (Arbeits-)Leben und wie möchtest Du es gestalten? Wie auch immer Du Dich entscheidest und ausrichtest: Ich wünsche Dir ein erfüllendes neues Jahr 2025!



Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!