Was haben Tim Bendzko, Per Mertesacker, Simone Biles und Naomi Ōsaka gemeinsam? Sie alle haben auf ihre je eigene Art und Weise zum Ausdruck gebracht, dass es im Leben nicht zuerst um ein maschinenartiges Funktionieren geht, sondern um das Menschsein – mit all seinen Stärken und Potenzialen, aber auch mit seinen Schwächen und (Belastungs-)Grenzen.

Doch wer interessiert sich schon für die sensiblen menschlichen Eigenschaften in einer konkurrenzgetriebenen Leistungsgesellschaft – und in einem ergebnisfokussierten Spitzensportsystem, das unerbittlich unterscheidet zwischen gewinnen oder verlieren, oben oder unten, in oder (dropped) out: die Verantwortlichen in den Vereinen und Verbänden, die Fans, die sponsernden Unternehmen, die Medien? 

Disbalance zwischen Leistungs- und Verantwortungsorientierung

Von Spitzensportler*innen werden Spitzenleistungen erwartet. Immer. Überall. Unter allen Umständen. Und wenn die Top Performance erbracht worden ist und sich der Erfolg einstellt, erhalten sie Lob, Ruhm und Anerkennung. Aber wehe, wenn nicht! Dann werden sie im besten Fall konstruktiv kritisiert, im schlimmsten Fall diskreditiert und bei dauerhaftem Misserfolg aus dem Gedächtnis katapultiert. Der binäre Code von Sieg und Niederlage, durch den das Sportsystem gekennzeichnet ist, lässt wenig Spielraum für differenzierte Betrachtungen und Bewertungen.

Was zählt, ist das Ergebnis, der sportliche und ökonomische Erfolg. Darauf ist alles im Spitzensport ausgerichtet. Für den Erfolg wird ein ganzes Betreuungsteam, der Staff, engagiert, um Athlet*innen körperlich und mental wettkampffähig zu machen und zu Höchstleistungen zu trimmen. Permanent werden alle möglichen Leistungsdaten erfasst und analysiert, taktische Spielformen einstudiert und diskutiert, Spieler*innen in Mannschaftssportarten je nach Leistung eingesetzt oder aussortiert.

Demgegenüber findet das (Zwischen-)Menschliche und das seelische Wohlbefinden vielfach noch nicht ausreichend Raum und Beachtung. Es sind noch zu wenige Expert*innen, die damit von den Vereinen und Verbänden explizit beauftragt werden, insbesondere im Profibereich. Dadurch besteht eine Disbalance zwischen Leistungs- und Verantwortungsorientierung. So bleiben scheinbar gut funktionierende und datentechnisch gläserne Spitzensportler*innen im Wesentlichen doch unergründet und mit ihren innersten (Versagens-)Ängsten und Zweifeln, Sinn- und Identitätsfragen sich selbst überlassen. Und dann leiden sie – still und einsam.

Wenn die Seele nicht mehr hinterherkommt

Doch manchmal stehen sie auch auf und fangen an, sich zu wehren. Gegen die Fremdbestimmung und das Erfolgreich-sein-Müssen. Gegen das ständige Bewertet-Werden. Gegen eine rein leistungsbedingte Wertschätzung. Gegen das mechanistische Menschenbild, das sie enthumanisiert und zur gefälligst zu funktionierenden Maschine, zum austauschbaren Material, zum Wegwerf-Produkt degradiert. Sie wollen endlich intern und öffentlich sagen dürfen, was sie denken und fühlen – und nicht, was ihnen PR-Fachleute, Berater*innen oder selbsternannte Expert*innen mundgerecht und jedwede Angriffsfläche vermeidend vorkauen. Sie wollen nicht länger das Spiel nach den Regeln anderer spielen, sondern mitbestimmen und selbstbestimmt leben. Sie wollen nicht mehr und sie können auch nicht mehr.

Weil ihr Körper irgendwann seinen Dienst verweigert oder ihr Geist eine Erklärung verlangt – sich selbst und anderen gegenüber. Oder weil ihre Seele – griechisch ψυχή (psychē) – nicht mehr hinterherkommt und Raum, Zeit und Fürsorge einfordert: Seel-(Für-)Sorge. Kurzum: Weil sich das, was sie von einer Maschine unterscheidet, nicht länger zurückhalten lässt, sondern in den Vordergrund drängt und unaufhaltsam wie ein Tsunami aus ihnen herausbricht: ihr Menschsein.

Wenn Athlet*innen ihr Menschsein und all die inneren Belastungen und mentalen Strapazen des Spitzensports nach außen tragen und thematisieren, dann in der Regel nicht während, sondern gegen Ende oder nach ihrer aktiven Karriere – so wie neben Per Mertesacker auch andere ehemalige Fußballer wie Jan Rosenthal und André Schürrle oder Skisprung-Legende Sven Hannawald.

Olympia: Simone Biles und Naomi Ōsaka geben Einblicke in ihr Innenleben

Zwei Spitzensportlerinnen, die nun bei den Olympischen Spielen in Tokio und damit während der bedeutsamsten Sportveranstaltung der Welt öffentlich Einblicke in ihr Innenleben gegeben haben, sind die amerikanische Star-Turnerin Simone Biles und die Weltranglisten-Zweite im Damen-Tennis, die Japanerin Naomi Ōsaka. Simone Biles entschied sich nach dem ersten Durchgang beim Mannschaftsfinale, den Wettkampf aufgrund mentaler Probleme abzubrechen und verzichtete anschließend auch darauf, am Mehrkampf-Finale sowie an verschiedenen Geräteentscheidungen teilzunehmen, ehe sie dann am Schwebebalken ihr Comeback feierte und Bronze gewann.

Naomi Ōsaka war bereits zuvor bei den French Open ausgestiegen und machte dabei öffentlich, dass sie mit depressiven Phasen zu kämpfen habe. Mit ihrer Entscheidung, anschließend auch Wimbledon nicht zu spielen, verzichtete sie auf die Teilnahme an einem weiteren Grand-Slam-Turnier. Bei den Olympischen Spielen in Tokio wollte sie ihr Comeback feiern, konnte aber den hohen Erwartungen in ihrem Heimatland nicht standhalten und schied bereits im Achtelfinale aus. Sie kommentierte ihre Niederlage damit, dass sie nicht in der Lage gewesen sei, mit dem Druck, der auf ihr lastete, umzugehen.

Für ihre Offenheit und Ehrlichkeit ernteten Simone Biles und Naomi Ōsaka vielfach Respekt und Wertschätzung – aber auch Kritik, wie beispielsweise vom früheren Fußball-Nationalspieler Dietmar Hamann, der nicht verstehen konnte, warum Simone Biles nicht zu allen geplanten Wettkämpfen angetreten war, nachdem sie sich zuvor entschieden hatte, nach Tokio zu reisen.

Während körperliche Beeinträchtigungen und Verletzungen als Grund für eine Aufgabe während eines Wettkampfs allgemeinhin anerkannt sind, hält Hamann es für inakzeptabel, aufgrund mentaler Probleme auszusteigen. Dann haben Sportler*innen seiner Meinung nach „versagt“. Dass Simone Biles den früheren sexuellen Missbrauch durch den inzwischen verurteilten Turn-Teamarzt Larry Nassar als möglichen Grund für ihre mentalen Probleme nannte, ließ Hamann bei seiner Kritik unbeachtet.

„Unheilvolle Allianz“

Für den Sportpsychiater Valentin Markser, der auch Robert Enke behandelte, ist Hamanns Haltung kein neues Phänomen. Anlässlich des zehnten Todestages von Robert Enke sprach Valentin Markser bereits im Jahr 2019 davon, dass es im Spitzensport nach wie vor eine „unheilvolle Allianz“ gebe, die mentale Probleme und seelische Erkrankungen immer noch nicht umfassend wahrnehmen und thematisieren, sondern vielmehr kleinhalten wolle.

Laut Markser kommt man damit allerdings nicht wirklich weiter. Es reiche auch nicht aus, Sportler*innen mentale Techniken für den Wettkampf beizubringen, sondern man müsse sich auch zwischen Wettkampf- und Trainingseinheiten um deren seelische Gesundheit und Gesamtpersönlichkeit kümmern. Hier geht es um die Verantwortung und Fürsorge, die Vereinen und Verbänden obliegt und nicht abgeschoben werden kann. Markser fordert deshalb, dass „jeder Profiklub neben einem Sportpsychologen oder Mentaltrainer auch verpflichtend einen ausgebildeten Sportpsychiater fest in seinen Reihen“ implementiert.

Vision eines „New Sport“ und Folgefragen

Für die Prävention und Behandlung von psychischen Erkrankungen wäre die Implementierung von Sportpsychiater*innen und -psychotherapeut*innen ein wichtiger und notwendiger Schritt. Und dass die Sportpsychologie weit mehr bietet, als mentale Techniken zur Leitungssteigerung einzusetzen, hat Monika Liesenfeld vom Olympiastützpunkt Berlin erst vor Kurzem in einem Interview mit Shea Westhoff von rbb sport betont. Aber muss darüber hinaus nicht bereits früher und umfassender angesetzt werden und die Vision eines „New Sport“ sowie folgende Fragen einen (Diskussions-)Raum bekommen:

  • Wie könnte ein Spitzensportsystem aussehen, in dem Leistung, Fürsorge und individuelles Wohlbefinden eine Symbiose bilden?
  • Wie kann es gelingen, dass sich eine ganzheitliche Perspektive auf die Athlet*innen durchsetzt und sie nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch als Menschen mit Körper, Geist und Seele wahr- und ernstgenommen werden?
  • Wie können sie ihre „Gesamtpersönlichkeit“ entwickeln, die Valentin Markser als Ergänzung und Korrektiv gegenüber einer auf Funktionieren-Müssen ausgelegten „Wettkampfpersönlichkeit“ einfordert?
  • Wie gelangen Spitzensportler*innen zu einem gelingenden Leben mit stabilen Beziehungen, einem tragfähigen Umfeld, Sinn und Freude?

Unbehandelte Sinnfragen als „Versorgungslücke“ im deutschen Spitzensport

Gerade der letztgenannte Punkt scheint eine besonders große Versorgungslücke im deutschen Spitzensportsystem darzustellen. So äußerte sich die ehemalige Leichtathletin Jackie Baumann im Interview mit Johannes Seemüller von SWR Sport, dass sie in ihrer Karriere an den Punkt kam, an dem sie auch die Zusammenarbeit mit zwei Sportpsychologinnen nicht weiterbrachte, weil es nicht darum ging, „wie ich die Ängste in den Griff bekomme, sondern ob ich das alles überhaupt will“. Sven Hannawald setzte sich während der Behandlung seiner Burnout-Erkrankung ebenfalls mit der (Sinn-)Frage auseinander, ob er sich die Strapazen des Spitzensports noch antuen wolle, ehe er sich – wie später dann auch Jackie Baumann – dagegen entschied.

Mit Sinn-, Identitäts- und Lebensgestaltungsfragen beschäftigen sich seit jeher Geisteswissenschaftler*innen wie Philosoph*innen und Theolog*innen. Doch wo finden wir sie in deutschen Sportvereinen und -verbänden? In England beschäftigen ca. zwei Drittel der Premier League Clubs Sportseelsorger*innen, sogenannte Club Chaplains.  Sie helfen Sportler*innen auch bei religiösen und spirituellen Fragestellungen. Wer ist hierzulande mit Ausnahme der Olympiapfarrer*innen dafür qualifiziert? In England werden ganze Player Care Departments hochgezogen und Player Care Conferences veranstaltet. Ebenso treffen sich Sportpsycholog*innen und Theolog*innen, um gemeinsam über „Well-Being & Performance“ zu sprechen.

M.E. brauchen wir eine weite Perspektive im Spitzensport und mehr Interdisziplinarität. Deshalb bin ich sehr gespannt darauf zu sehen, welche Impulse von dem neuen „emotional Well-Being“-Ansatz von Hertha BSC ausgehen werden. Hierfür hat die Hertha auf Initiative von Ex-Fußballnationalspieler Arne Friedrich zwei Theologen engagiert, die die Arbeit der sportpsychologischen Abteilung ergänzen werden.

Lösungsansatz – die Gründung einer „heilvollen Allianz“

Vielleicht kann aus den vielen wichtigen einzelnen Initiativen, die bislang gestartet wurden und die teilweise bereits miteinander kooperieren oder kooperiert haben – z.B. aus der Robert-Enke-Stiftung und dem in Zusammenarbeit zwischen ihr und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) entstandenen Referat „Sportpsychiatrie und -psychotherapie“ , den sportpsychologischen Initiativen mentaltalent  und MentalGestärkt, dem Buchprojekt „Am Limit“ von Johannes Seemüller sowie aus den Ansätzen Well-Being, Sportseelsorge, Sportmentoring und Life-Coaching –, eine „heilvolle Allianz“ entstehen, um so zu einer (besseren) Balance aus Leistungs- und Verantwortungsorientierung zu gelangen und Spitzensportler*innen vor, während und nach ihrer sportlichen Karriere mehr Menschsein zu ermöglichen.

Wie denkt Ihr darüber? Ich bin gespannt auf Eure Rückmeldungen und Kommentare. Bis demnächst!

Michael Micic

 

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Bild: StockSnap/Pixabay

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